Oliver Kleibrink aus Paderborn arbeitet seit einem Jahr an einer Fotoreportage über die lokale Drogenszene

„Spuren”: Das aktuelle Buch von Oliver Kleibrink zeigt Aufnahmen junger Strafgefangener in der JVA Hövelhof. Die Ausstellung ist noch bis zum 27. Januar in der Uni-Bibliothek zu sehen. Foto: Tobias Vorwerk

 

Paderborn. „Ich möchte zeigen, dass das Leben nicht nur schöne Facetten hat – man kann nicht um alle unangenehmen Themen einen Bogen machen”, erklärt Fotograf Oliver Kleibrink aus Paderborn. Der 44-Jährige zeigt aktuell in der Bibliothek der Universität Paderborn ausgewählte Fotos aus seinem jüngsten Buch „Spuren”, für das er den Alltag junger Strafgefangener in der JVA Hövelhof dokumentiert hat. Die Ausstellung kann noch bis zum 27. Januar während der Öffnungszeiten der Bibliothek kostenfrei besichtigt werden.

Obwohl kein einziges Gesicht deutlich zu erkennen ist, vermitteln die Bilder eine sehr persönliche und intime Atmosphäre, die durch die starken schwarz-weiß Kontraste und die körnige Bildoberfläche in eine teilweise sehr düstere Stimmung übergehen können. Seine Bilder spiegeln wider, mit welchen Gefühlen er selbst das Gesehene wahrgenommen hat: „Ich lasse auch immer meine Gefühle in die Bilder mit einfließen”, erklärt Kleibrink. „Für die Häftlinge ist das Gefängnis nicht immer etwas so Negatives”, weiß er. „Dort erleben sie einen geregelten Tagesablauf, haben etwas zu Essen, ein warmes Bett.” Das Schwierige beginne oft erst nach der Haft, wenn die ehemaligen Häftlinge versuchen müssen, diesen geregelten Rhythmus aufrecht zu erhalten. „Die Rückfallquote ist leider sehr hoch, gerade bei Drogenabhängigen.”

Mit seinen Bildern möchte der studierte Pädagoge Aufklärungsarbeit leisten und zu Gesprächen und zum Nachdenken anregen. So zeigte er die Ergebnisse seiner Reportage bereits in der JVA Hövelhof und sprach mit den Häftlingen über die Wirkung seiner Fotos und darüber, wie sie sich damit fühlen. Gleichzeitig besucht er mit seinen Fotografien Klassen in verschiedenen Schulen, um mit Kindern über das Erlebte und Gesehene zu sprechen, um „auch anderen meine Erfahrungen zu Teil werden zu lassen”, so Kleibrink, der damit Vorurteile überprüfen und abbauen möchte.

Auch in seiner jüngsten Reportage überprüft Kleibrink Vorurteile und sucht dazu die verbale und fotografische Interaktion. Foto: Tobias Vorwerk

In seinem aktuellen Fotoprojekt mit dem Titel „Cold Kiss in the Dark” befasst sich der Familienvater und hauptberufliche Hausmann mit der Paderborner Drogen- und Obdachlosenszene. Auch hierbei geht es ihm darum, herrschende Vorurteile abzubauen und dahin zu gehen, wo viele Menschen einen großen Bogen drum machen. Kleibrink: „Das Wertvollste für mich ist, dass diese Menschen, die da im Dreck sitzen, mich haben an ihrem Leben teilhaben lassen und mir ihr Herz geöffnet haben.” Begonnen hat er sein Projekt im Januar 2018. Sein Fazit bis jetzt: „Es lohnt sich total, dort einzutauchen. Das ist für dich plötzlich nicht nur ein Junkie, sondern ein Mensch mit einer ganz besonderen Geschichte.” Dass diese wahrlich nicht schön, sondern eher tragisch sind, hat er in zahlreichen Gesprächen mit Rauschgiftabhängigen erfahren. „Es ist die gegenseitige Auseinandersetzung, die zählt”, erklärt er. Dabei geht er der Frage nach, wie die Betroffenen ihre Drogensucht erleben und wie ein Leben in Abhängigkeit aussieht.

Begonnen hat alles mit einfachen Gesprächen: „In den ersten drei Monaten habe ich meine Kamera gar nicht dabei gehabt und die Menschen einfach kennengelernt”, sagt er. Rund dreimal pro Woche ist er zu unterschiedlichen Zeiten in die Zentralstation oder ins Paderquellgebiet gegangen, um Vertrauen zu schaffen und die Abhängigen und ihre Geschichten kennenzulernen. Auch danach war das Fotografieren eher zweitrangig: „Von etwa zehn Terminen mache ich sieben oder achtmal keine Fotos.” Im Vordergrund steht der Smalltalk „über Gott und die Welt”, so Kleibrink. „Du musst mit den Leuten sprechen, erst dann weißt du, was mit denen los ist und was sie für Ängste, Hoffnungen und Wünsche haben”, weiß er. Der Titel seiner Reportage „Cold Kiss in the Dark” soll dabei, ähnlich wie bei seinem vorherigen Projekt „Spuren”, auch seine Gefühle verdeutlichen. Es geht um das Leben in der Zentralstation. „Cold Kiss” fungiert dabei als Synonym für den Tod, dem viele Abhängige oft schon sehr nahe gekommen sind. „Von vielen habe ich innerhalb des Jahres den Werdegang mitbekommen”, beschreibt Kleibrink und ist sichtlich betroffen von seinen Erlebnissen. Auch mit diesem aktuellen Projekt möchte er in Zukunft Aufklärungsarbeit an verschiedensten Stellen leisten.

Hartes Neonlicht erhellt die Paderborner Zentralstation, doch für Kleibrink bleiben die Schatten bestehen. Sie sind fester Bestandteil seiner kontrastreichen Aufnahmen, in denen er die Stimmungen der Drogenabhängigen (hier: Guido, 50 Jahre alt) mit seiner Kamera nachzufühlen versucht. Foto: Oliver Kleibrink

 

Oliver Kleibrink gibt mit seinen Reportagen dem Unbekannten ein Gesicht. Dazu möchte er noch in diesem Jahr ein Buch veröffentlichen und Ausstellungen organisieren, Fragen stellen, beantworten, Gespräche führen und für das Thema sensibilisieren. Gerade im Hinblick auf die baulichen Veränderungen in der Innenstadt, der Zentralstation, fragen sich auch viele der Abhängigen, wie es für sie in Zukunft weitergehen soll und wo in der Stadt Paderborn Platz für sie ist. Einen Teil des Erlöses aus dem Buchverkauf will er an soziale Projekte, wie beispielsweise den KIM e.V., spenden.

Um das Buch realisieren zu können, ist Kleibrink zur Zeit auf der Suche nach Sponsoren, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützen möchten (Kontakt: o.kleibrink@web.de) Dazu wird er ab dem 25. Februar im Bürgermeisterflur in der Paderborner Stadtverwaltung eine erste Ausstellung veranstalten und seine Arbeit erstmals der breiten Paderborner Öffentlichkeit präsentieren.