Künstler Herman Reichold schafft zuhause die perfekte Symbiose zwischen Arbeit und Freizeit

Auch am Herd ein Künstler: Herman Reichold verbringt die freie Zeit zuhause gerne mit Kochen oder reinigt beim Rennradfahren seine mentale „Festplatte“. Fotos: Tobias Vorwerk

Paderborn. Viele Künstler führen eine Art Doppelleben, indem sie nebenbei einen ganz normalen Beruf ausführen, um die eigene Kunst finanzieren zu können. Gerade in der Anfangszeit des künstlerischen Schaffens kann dies zur Belastung werden. Auch der Paderborner Künstler Herman Reichold startete seinen künstlerischen Werdegang in ähnlicher Form: Als Comic- und Charakterzeichner für diverse Verlage in Deutschland gestaltete er verschiedenste Motive in Auftragsarbeit. Das Malen, was Herman zu Beginn der 90er Jahre zunächst als Entspannung von der Auftragsarbeit begann, sollte des Künstlers kreative Zukunft sein.

Aus der Region, für die Region

Elektronische Musik erklingt aus dem großen, von Tageslicht durchfluteten Atelierraum am Hohenloher Weg in Paderborn: Künstler Herman ist am Arbeiten und genießt dabei die Klänge der zweiten Platte der Paderborner Bedroomproducer „Spektrum“. „Paderborner Künstler unterstütze ich gerne“, sagt Herman, der auf vielen jungen Kulturveranstaltungen in der Paderstadt anzutreffen ist. Auf der im Raum zentrierten Arbeitsfläche sind gerade zwei Bilder in der Entstehung, die Herman mit Unterstützung von Assistentin Malin fertigstellt. „Zehn bis zwanzig Arbeiten im Prozess liegen eigentlich immer rum“, sagt er und zieht einen korrigierenden Strich im bunt verkachelten Hintergrund des Bildes. Auf einem Nebentisch liegen alte Alben, die in eine Zeitreise durch Hermans Werke seit den späten 80er Jahren einsehen lassen. „Mit den Postkarten ging es los – noch vor Diddl und Sheep World“, erklärt er beim Durchblättern des Albums. Was als Entspannung zum normalen Arbeiten begann, sollte Herman die künstlerische Zukunft sichern: das Malen. Anfang der 90er Jahre veröffentlichte er die Serie „Aztek“. Dort lässt sich bereits die Reicholdsche Handschrift aus Ecken und Kanten erkennen. Aber auch die Entwicklung wird bei der Betrachtung dieser frühen Werke sichtbar: Was vor mehr als zwanzig Jahren begann, entwickelt sich bis heute stetig weiter. „Ich hatte das Glück, dass ich auffällig war und viele Galeristen auf mich zugekommen sind“, beschreibt Herman und sagt, dass er sich in einem immer weiterfließenden Fluss befinde: „Es geht immer weiter, aber ich will eine Rarität bleiben und nicht 500 Bilder pro Jahr malen.“

Der lichtdurchflutete Atelierraum am Hohenloher Weg in Paderborn ist das Zentrum des Hauses.

Leben mit, um und für die Kunst

Die anfangs beschriebene Teilung zwischen dem Beruflichen und dem Privaten hat der 1959 in Paderborn geborene Künstler mittlerweile bestmöglich zusammengeführt – dies spiegelt sich auch in seinem Haus wider, welches als ehemaliges großes Bürogebäude für ihn sowohl Atelier und Arbeitsraum als auch Wohnung ist. Seit 2007 wohnt Herman am Hohenloher Weg und hat über die Jahre eine perfekte Symbiose zwischen Arbeit und Freizeit geschaffen. Zu dieser Trennung sei allerdings eine große Disziplin nötig, die man sich immer wieder vor Augen führen und feste Arbeitszeiten einteilen müsse, sagt Reichold. „Abends gehe ich immer nochmal durch die Räume und dann passiert es manchmal, dass ich etwas sehe und das unbedingt fertig machen muss – es ist also schon mehr Atelier als Wohnung.“ Der Kunst kann sich in keinem der Zimmer auch nur ein Blick entziehen: Bereits beim Eintreten läuft man über einen weichen, blauen Teppich mit dem Herman-typischen Katzenmotiv, bevor man im großen Flur direkt auf den Schreibtisch des Künstlers zugeht. Die Wände sind mit diversen Originalen verziert und lassen den Blick im Flur rundherum schweifen, bis dieser an der offenen, modernen Küche hängen bleibt. Als Hobbykoch verbringt Herman manche Stunde am Herd und durfte sein Können bereits 2012 in der Fernsehsendung „Das perfekte Dinner“ des Privatsenders „VOX“ unter Beweis stellen. Der Halbitaliener, dessen Mutter aus Verona stammt, liebt es, „diese zwei Seelen“ in sich zu tragen und kochte passend zur Herkunft traditonelle italienische Gerichte wie Spaghetti und Ossobuco. Richtig abschalten kann der 58-Jährige aber erst beim Rennradfahren: „Das ist meine Meditation“, sagt er, „damit reinige ich die Festplatte.“ Zahlreiche Trikots verschiedener Radrennen zeugen, auf einem Ständer im Schlafzimmer, von der sportlichen Leidenschaft. Sein Rennrad habe sogar die Tour de France mitgefahren, beschreibt er stolz und sagt: „Es war ein Geschenk von Rolf Aldag.“
Das Highlight der geräumigen und spärlich, aber stilvoll eingerichteten Wohnung stellt in jedem Fall der große Atelierraum mit seiner imposanten Fensterfront dar, die das Tageslicht auf den Arbeitstisch wirft und die Werke bestens ausleuchtet.

„Die halbe Stadt liebt mich“

Viele Künstler, die wie Herman zum Wohnen und Arbeiten am selben Ort leben, haben ihre Werke meist überall herumstehen – bei dem Paderborner ist dies nicht so: „Meine Bilder sind ständig unterwegs, sodass ich kein Lager aus meiner Wohnung machen muss.“ Derzeit reisen seine Werke durch Bielefeld, Malmö, Welchenberg, Sylt und ab Pfingsten sind sie auch auf Mallorca zu sehen. In der zweiten Jahreshälfte folgen dann Stuttgart, Braunschweig und Stockholm.

An dieser Ortsvielfalt lässt sich erkennen, dass man als erfolgreicher Künstler, entgegen der so oft verbreiteten Vorstellung, nicht zwingend in den Kunsthauptstädten Berlin, Hamburg oder Düsseldorf leben muss. Paderborn ist für Herman Reichold Heimat und Lebensraum, von dem aus er sein breites Spektrum an Arbeiten in die Welt bringt. Dabei „mache ich nur, was ich will und was ich kann“, lächelt Herman. Von Luxus halte er nichts: „Für mich ist die Genügsamkeit der wahre Reichtum.“ Gehe man mit diesem Credo und einer gesunden, selbstkritischen, nicht überheblichen Einstellung an die Arbeit und das Leben heran, so führe dies auch zum Erfolg. Am Ende des Gesprächs schmunzelt Herman: „Ich werde jeden Tag wach und freue mich, dass die halbe Stadt mich liebt.“