"Augen zu und durch"

Elsen. Musiker und Künstler Heinz Rudolf Kunze spricht vor dem Konzert in Elsen über seine Karriere und Lieder.

Heinz Rudolf Kunze tritt am Freitag, 24. November, um 20 Uhr im Bürgerhaus Elsen auf. Fotos: Martin Huch

Mit Heinz Rudolf Kunze kommt am Freitag, 24. November, um 20 Uhr eine Institution der deutschsprachigen Musikszene in das Elsener Brau- und Bürgerhaus. Im Vorfeld sprach der Künstler mit dieser Zeitung über seine Arbeit, typische Kunze-Hörer und das Besondere der aktuellen Tour.


Auf Ihrer Webseite steht, Sie seien ein „notorischer Vielschreiber“. Stimmt das?
Kunze: Das klingt schmeichelhaft, hört sich aber so an, als wenn ich eine verbale Inkontinenz hätte. Ich schreibe in der Tat sehr viele Texte, das ist richtig. Ich drücke es freundlicher aus: ‚Das Problem der Schreibblockade kenne ich nicht‘. Vielschreiberei klingt so, als müsste ich zu allem meinen Senf dazu geben. Nach 38 Jahren Arbeit habe ich aber immernoch einen großen Spaß daran, Dinge mit Worten und Tönen zu gestalten und freue mich darüber, dass diese Quelle bisher nicht versiegt ist.

Also keine Spur von „Altersmüdigkeit“?
Kunze: Nicht im Geringsten!

Sie haben letztes Jahr zwei Alben und zwei Bücher rausgebracht, unzählige Konzerte gespielt. Das war eines Ihrer „output-reichsten“ Jahre.
Kunze: Das stimmt. Mein Beruf ist der schönste, den ich mir vorstellen kann und ich bin einfach froh, dass das so funktioniert und dass es tatsächlich immer noch Menschen gibt, die das auch hören und lesen, was ich so treibe – das will ich dann auch nicht künstlich verknappen.

Mit 24 Jahren bin ich wahrscheinlich nicht der typische „Kunze-Hörer“, gibt es Personen, die Sie seit Jahrzehnten begleiten?
Kunze: Ja klar, das ist bei jedem Kollegen so, der schon lange unterwegs ist. Da hat man eine gewisse Fraktion von sehr treuen, unverwüstlichen Freunden, die einem schon sehr lange Gesellschaft leisten. Wobei die Spannweite des Alters in meinem Publikum sehr erstaunlich ist: Von 18 bis 78 würde ich sagen. Unter 18 sicher kaum, ich habe gewiss kein Teenie-Publikum. Das habe ich allerdings, auch als ich jünger war, noch nie gehabt.

Sprechen Sie eventuell ein eher intellektuelleres Publikum an?
Kunze: Ich möchte nicht den falschen Eindruck erwecken, dass man Germanistik studiert haben muss, um meine Musik zu mögen. Gespräche mir Personen rund um meine Konzerte herum sind sehr gemischt – das sind nicht alles Akademiker, die mich da ansprechen. Zum Teil sind das auch ganz normale Leute (lacht).


"Die Leute können mir wirklich, wie sonst nie, über die Schulter sehen"


Am Freitag, 24. November, sind Sie im Elsener Bürgerhaus – Solo! Seit zwei Jahren touren Sie ohne Band. Was nimmt man mit aus dieser Zeit?

Kunze: Mir hat das unglaublich viel Kraft und Routine gegeben, diese Mutprobe zu bestehen. Ich habe bis 2015 nie alleine gespielt, es war immer mindestens ein Musiker dabei. Das lag daran, dass ich mich nicht getraut habe – das ist die ganz einfache und ehrliche Erklärung dafür. Ich dachte, alleine packe ich das nicht. Mittlerweile sieht das ganz anders aus: Ich fühle mich unglaublich wohl
dabei. Es ist auch die Form, in der man mir und meinen Liedern am nächsten kommen kann – genau so hört es sich an, wenn ich mir Zuhause ein Lied vorspiele, was gerade fertig geworden ist. Die Leute können mir wirklich, wie sonst nie, über die Schulter sehen und haben quasi einen Einblick in den Klang meines Arbeitszimmers.

In Ihrem Arbeitszimmer entstehen dabei nicht nur Songs, sondern auch Gedichte, Prosa oder Theatertexte. Gibt es eine Sparte, in der man sich am wohlsten fühlt?
Kunze: Nein, das gehört alles wunderbar zusammen und nichts davon hätte es ohne die Musik gegeben. Nur aufgrund meiner Lieder kamen Produzenten auf mich zu und fragten, ob ich mir vorstellen könnte, auch andere Texte zu schreiben. Somit ergänzt sich alles optimal.

Hat das Theater und die Musik im Theater in der Vergangenheit einen Stellenwert verloren, gute Sprache zu transportieren? Sehen eventuell viele Menschen ein Theaterstück rein als Unterhaltung an, bei der man den Kopf ausschalten kann?
Kunze: Für die Situation des ernsthaften deutschen Theaters bin ich als Musical-Macher nicht zuständig, aber als Beobachter sehe ich gewisse Probleme. Ich habe das Gefühl, das Theater steckt, wie im Grunde jede Kunstform auch, in einer veritablen Krise. Das erkennt man an der Revival-Flut von alten Stücken sowie der Umsetzung von Romanen, die teilweise erst ein Jahr alt sind. Mir kommt es so vor, als hätten die Regisseure einen Mangel an guten, neuen Stücken, weswegen sie auf Romane zurückgreifen müssen  (lacht).

Sehen Sie sich selbst als Unterhaltungsmusiker?
Kunze: Ich glaube, diese Frage würde sogar Shakespeare bejahen. Das ist Entertainment, was wir machen. Wir haben eventuell eine andere Vorstellung von Entertainment als die Schlager, oder Heavy Metal-Kollegen, aber wir wollen die Leute gut unterhalten. Dazu kann es auch mal gehören, dass es ein paar Blitze zwischen den Synapsen gibt.

"Es ist ein Abend mit einer ganz besonderen Auswahl von Liedern"


Auf dem aktuellen Album „Meisterwerke: Verbeugungen“ covern Sie Songs, die mitunter die deutsche Musikgeschichte geprägt haben. Von Roy Blacks „Ganz in weiß“ über Hits der Neuen Deutschen Welle, den Ärzten und den Toten Hosen, bis hin zu Casper und Thees Uhlmann. Wie kam diese Titelauswahl zustande?

Kunze: Gute Frage. Einfach ‚Augen zu und durch‘. Ich habe mir gedacht, es ist besser, eine spontane Auswahl aufzuschreiben. Wenn ich anfange über diese Auswahlfrage nachzudenken, dann komme ich nie zu einem Ende. Der Fundus  ist nahezu unerschöpflich.

Was sagen Sie zur Qualität der heutigen „kalenderspruchartigen“ deutschen Musik mancher Pop-Poeten?
Kunze: Was Sprachwitz und Kreativität angeht, ist da durchaus noch Luft nach oben (lacht).

Tragen vielleicht auch Streamingdienste zum Qualitätsverlust und einem neuen Hörverhalten bei?
Kunze: Mich interessiert diese Form nicht, weil ich ein altmodischer Mensch bin, der gerne Musik sammelt. Ich kaufe nach wie vor CDs, weil ich Musik besitzen und in meinem Schrank stehen haben möchte. Das virtuelle Abrufen irgendwelcher Klänge gefällt mir nicht. Ich weiß nur, dass es praktisch Diebstahl ist, da wir als Musiker im Grunde nichts dafür ausgezahlt bekommen. Damit kann ich mich nicht einverstanden erklären.

Oft liest man, Sie wären ohnehin ein sehr analoger Mensch.
Kunze: Ja, ich hab ein unterentwickeltes Verhältnis zur modernen Technik. Gott sei Dank habe ich gute Leute, die das für mich erledigen.

Auf was können sich die Gäste bei Ihrem Konzert in Elsen besonders freuen?

Kunze: Sich selbst anpreisen dürfen ist immer sehr schwer. Es ist ein Abend mit einer ganz besonderen Auswahl von Liedern. Es wird ebenfalls sehr viel schnurrige Sprechtexte geben zwischen den Liedern, in denen ich auch in satirischer Form auf unsere Zeit eingehe. Da kann alles vorkommen, was uns beim rezipieren der aktuellen Nachrichten so beschäftigt. Es ist einfach eine sehr offene Form, die ich jetzt total genieße, weil ich sie selbst in der Hand habe. Ich habe eine dicke Mappe mit hunderten Liedern dabei, aus denen ich auswählen kann. Wenn es ein guter Abend wird, wovon ich ausgehe, sollten die Leute auch viel Zeit mitbringen – es wird dann nicht unbedingt ein kurzer Abend (lacht).

Noch eine Frage, die Sie wahrscheinlich nicht mehr hören können: Finden Sie es schade, dass viele Menschen Sie nur mit Ihrem Erfolgshit „Dein ist mein ganzes Herz“ in Verbindung bringen?
Kunze: Viel schlimmer würde ich es finden, sie würden nicht mal das von mir wissen. Natürlich wünscht man sich immer, dass die Menschen möglichst viele Lieder kennen, die man gemacht hat. Das kann man aber nicht erwarten –  immerhin ist das eine Nummer, die fast jeder kennt und zumindest eine vage Vorstellung von mir hat. Wer mich besser kennt, der wird wissen, dass ich auch  ganz andere Dinge getan habe. Je besser man mich kennt, desto mehr hat man von einem Live-Abend mit mir. Ich arbeite mein Leben lang daran, dass die  Menschen möglichst mehr Lieder von mir kennen. Dieses eine Lied zu kennen  ist ja keine Schande (lacht).

 

Das Interview führte Tobias Vorwerk

Tickets für die Veranstaltung gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Internet unter Eventim und Reservix sowie direkt im Elsener Brau- und Bürgerhaus unter Tel.: 05254-68012



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