Der Paderborner Sherlock Holmes

Paderborn. Sherlock Holmes, mit Mütze auf dem Kopf und rauchender Pfeife im Mund, gilt als der Inbegriff des Detektiven. Doch mit der berühmten Kunstfigur, die in England geschaffen wurde und deren Romane viele Millionen Menschen gefesselt hat, hat Benjamin Nolte rein äußerlich nicht viel gemein.

Benjamin Nolte an seinem Schreibtisch: Hier verfasst der Privatdetektiv nach den Aufträgen seine abschließenden Berichte. Foto: Björn Theis

Blauer Pulli, darunter weißes Hemd, schwarze Nerd-Brille trägt der Paderborner beim Besuch in seinem Büro. Er könnte mit seinem seriösen Äußeren auch in der Immobilienbranche tätig sein. Tut er auch, aber dazu später mehr...
Observieren, Beobachten, Aufdecken ist für den 37-Jährigen seit mehr als zehn Jahren Beruf und Berufung. „Ich bin da irgendwie reingerutscht“, erzählt er über über die Anfänge im Jahr 2005. Zuvor war der Paderborner Zeitsoldat und anschließend kaufmännisch tätig. Was genau die Initialzündung war, um ausgerechnet Privatdetektiv zu werden, möchte er aus verständlichen Gründen nicht offiziell zu Protokoll geben. Was Nolte allerdings sagen kann: „Ich bin kein Büromensch, der die ganze Zeit im Anzug rumläuft. Das operative Draußen-Sein hat mir gefehlt.“ Quasi in einer Nacht und Nebel-Aktion beschließt er, seinen Job zu kündigen und sich mit einer Detektei selbständig zu machen. Zum Leidwesen der Eltern und seiner damaligen Frau: „Die haben mich für verrückt erklärt“, berichtet er rückblickend.
Privatdetektiv kann eigentlich jeder ohne Ausbildung sein – dennoch entscheidet sich Nolte für eine fast einjährige Fortbildung, die ihn auf die Herausforderungen im Alltag einer „Spürnase“ vorbereitet. Ohne dieses Rüstzeug eine Detektei zu eröffnen, ist für ihn keine Option: „Sonst verliert man sich in rechtlichen Fallstricken, aus denen man nie wieder herauskommt.“ Denn nicht alles, was technisch möglich sei, ist auch erlaubt. Aus diesem Grund kann er sich auch nicht Pseudo-Detektiv-Soaps wie „Die Trovatos“ anschauen, wo Wanzen angebracht, Zielpersonen abgehört und Türen aufgebrochen werden. An der Realität gehe das total vorbei: „Wenn ich so arbeiten würde, führt das innerhalb kürzester Zeit zum Berufsverbot.“ Es gibt klare und strenge Regeln zum Schutz der Privatsphäre - zum Beispiel, was das Fotografieren betrifft. Etwa mit der Kamera in fremde Schlafzimmer zu linsen, ist streng verboten.
„Am entscheidendsten ist der Bericht“, erklärt Nolte. Und den fertigt er schriftlich nach jedem Auftrag an und liefert die Fotos dazu. „Je präziser der Bericht ist, desto weniger muss ich vor Gericht als Zeuge erscheinen.“ Dass es erst zwei Mal vorgekommen ist, zeigt, wie professionell der Paderborner arbeitet. Er hat sich genau mit dieser guten Arbeit einen Namen gemacht und wird deutschlandweit gebucht.

"Wie Undercover-Boss - nur ohne Kamera"

Hauptsächlich beschäftigt er sich mit der „Einschleusung“. Heißt: Bei Inventurdifferenzen im nicht erklärbaren Bereich wird Nolte von Unternehmen engagiert, verdeckt im Betrieb für einen gewissen Zeitraum zu arbeiten – zum Beispiel als Praktikant – um die Unregelmäßigkeiten aufzudecken und den verantwortlichen Mitarbeiter zu überführen. „Das ist ein bisschen wie Undercover-Boss auf RTL, nur ohne Kamera“, scherzt Nolte über seine Tätigkeit als verdeckter Mitarbeiter. In den meisten Fällen bleibt er drei bis vier Monate im Unternehmen – so lange, bis die Beweise wasserfest sind. So kann er einen Fall in Thüringen lösen, „wo 15.000 Euro täglich über den Zaun gegangen sind“, erzählt er von einem seiner spektakulärsten Aufträge, bei dem er als Staplerfahrer getarnt in einer Firma tätig ist. Ein weiteres heißes Thema sind Verstöße gegen das Wettbewerbsverbot – wenn Mitarbeiter nach Ausscheiden aus dem Unternehmen ihr Wissen an die Konkurrenz weitergeben – und Benjamin Nolte zur Aufklärung eingesetzt wird.
Gerade zu Libori oder Karneval herrsche in seiner Branche Hochkonjunktur, erzählt der Sherlock Holmes Paderborns. Nicht jeder Arbeitnehmer bekommt Urlaub, weshalb sich der eine oder andere auch mal krank meldet, ohne etwas zu haben. Die Unternehmen beauftragen dann Privatdetektive, um bei den jeweiligen Beschäftigten genauer hinzusehen. „Bei Libori zum Beispiel treffe ich immer viele meiner Kollegen in der Stadt“, erzählt Nolte von seinen Einsätzen bei Paderborns fünfter Jahreszeit. Eine bizarre Situation erlebt er einmal an Karneval. Wieder einmal observiert er an Weiberfastnacht einen Arbeitnehmer, der trotz Krankschreibung am feiern ist. „Ich hatte von außen keine Chance etwas zu erkennen und musste in die Kneipe reingehen. Plötzlich stand der Mann an meinem Tisch und wollte einen mit mir trinken. Ich bin dann beim alkoholfreien Bier geblieben und wir haben angestoßen.“ Nolte fliegt nicht auf – wie in 99 Prozent der Fälle, schätzt er. Also eigentlich nie.

Spontan bis in die Schweizer Berge


Einmal findet er heraus, dass die Zielperson nicht nur seine Firma betrügt, da er während der Krankschreibung putzmunter dem Leben fröhnt, sondern gleichzeitig auch noch seine Ehefrau: „Es war eindeutig, dass er ein Verhältnis mit einer anderen Frau hat“, so Nolte. Dem Arbeitgeber des Mannes oder gar der Ehefrau berichtet hat er es nicht - „dafür war ich nicht beauftragt“, begründet es der Detektiv ganz professionell.
Das bisherige Highlight in seiner Zeit als Privatdetektiv führt ihn bis in die Schweiz. Die Zielperson ist arbeitsunfähig gemeldet wegen eines Beinbruchs. „Von Montag bis Donnerstag passierte eigentlich nichts. Doch plötzlich am Freitag bepackte der Mann sein Auto und düste davon.“ Der in Wirklichkeit gar nicht so kranke Angestellte fährt in den Skiurlaub in die Berge nach Zermatt – und Benjamin Nolte hinterher. Von einem gebrochenen Bein kann er bei ihm nicht viel erkennen, als dieser die Pisten unter die Ski nimmt.
Der Privatdetektiv ist auf den spontanen „Kurz-Trip“ über das Wochenende natürlich nicht vorbereitet: „Ich hatte keine Winterklamotten dabei, das war ganz schön kalt“, erinnert er sich und muss dabei lachen. Plagt einen Privatdetektiven eigentlich manchmal das schlechte Gewissen, wenn er Menschen durch sein „Schnüffeln“ in echte Probleme wie den Arbeitsplatzverlust bringt, will ich von ihm wissen. „Die Frage stelle ich mir auch häufig“, antwortet Nolte nachdenklich. Oft sei vorher aber schon so viel vorgefallen und der von ihm aufgedeckte Vorfall nur der berühmte Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt.
Sein Traumberuf Privatdetektiv hat allerdings auch Schattenseiten, weiß der Vater eines kleinen Sohnes: „Von 360 Tagen im Jahr bin ich 200 unterwegs“, rechnet er vor. Die meisten Aufträge kommen kurzfristig rein, weshalb er dann von jetzt auf gleich los muss. Da kommt es auch schon mal vor, dass er auf einer Feier ist und sofort aufbrechen muss. Eine Folge seiner Berufsjahre ist: „Ich kann Hotelzimmer nicht mehr sehen.“ Mit seiner heutigen Lebensgefährtin und dem Filius bevorzugt er daher mittlerweile Campingurlaube. Das ständige „Auf Achse sein“ hat dazu geführt, dass sein Freundeskreis überschaubar ist: „Sehr viele Freunde habe ich nicht, aber die noch Verbliebenen haben viel Verständnis, wenn ich mal wieder kurzfristig ein Treffen wegen eines Auftrages absagen muss.“
Wegen all dieser Gründe möchte Benjamin Nolte als Privatdetektiv nun kürzer treten und widmet sich neuerdings einem zweitem Betätigungsfeld. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, einer Architektin, hat er sich selbstständig gemacht und ist ins Immobiliengeschäft eingestiegen, um Häuser zu bewerten. Die Prüfung zum „Bewertungssachverständigen für Immobilien“ hat Nolte bereits erfolgreich abgelegt. Seine Detektei läuft neben dem neuen Gewerbe weiter. „So weit liegen die Thematiken ja auch gar nicht auseinander“, findet er. „Ich muss weiter Sachverhalte beschreiben. Klar, es sind jetzt Häuser, aber dahinter steht ja auch ein Mensch.“ Den Bezug zu Immobilien hat er durch die Mitarbeit in der privaten Wohnungsverwaltung seiner Eltern. Mehr Lebensqualität erhofft sich Nolte von diesem Schritt – ohne allerdings ganz die Finger vom Observieren, Beobachten und Aufdecken lassen zu können. Dafür ist die Leidenschaft dann doch zu groß!



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