"Es kommt auf den Inhalt und nicht auf die Hülle an"

Paderborn. Die 31-jährige Gulssum Asgharzadeh ist bekennende Kopftuchträgerin – vor und hinter der Ladentheke im Paderborner Bioladen.

Fast täglich steht Gulssum Asgharzadeh hinter der Kasse in dem Paderborner Bioladen.

Was für muslimische Frauen ein Symbol des religiösen Glaubens ist, ist häufig für die ältere Generation ein praktisches Mittel, Haupt und Haar vor Wind und Wetter zu schützen: das Kopftuch. Selbst Queen Elisabeth II. greift hin und wieder zum beliebten Stück Stoff, um Schlechtwetter zu trotzen. Doch kaum steht das Kopftuch für den Ausdruck des religiösen Glaubens, wird es ernst. Kein Kleidungsstück sorgt neben der Vollverschleierung durch die Burka für so viel Diskussionsstoff wie das Kopftuch.
Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hat Mitte März daher ein Urteil gefällt. Demnach dürfen Arbeitgeber das Tragen von Kopftüchern und anderer religiöser Zeichen im Job verbieten. Allerdings muss es dafür im Unternehmen einheitliche Regeln geben.
Die Paderbornerin Gulssum Asgharzadeh kennt das Problem – zum Teil. Denn im Gegensatz zu vielen anderen muslimischen Frauen in Deutschland ist sie eine der wenigen in Paderborn, die an ihrem Arbeitsplatz nicht auf ihr Kopftuch verzichten muss. Seit zwei Jahren arbeitet sie in einem heimischen Bioladen in Paderborn und steht als Verkäuferin täglich im regen Kundenkontakt. „Ich bin nicht anders als meine Kolleginnen, nur etwa weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Gulssum Asgharzadeh fast so, als müsste sie ihre Auffassung, dass am Arbeitsplatz nur Leistung und Kompetenz und nicht politische oder religiöse Überzeugungen zählen, verteidigen. Es sei lediglich ein Symbol des Glaubens und der Tradition, ebenso wie viele Christen ein Kreuz offen an einer Kette tragen. An der Qualität ihrer Arbeit ändere dies nichts, so die Paderbornerin.

 

Glaubenssymbol statt Stempel

In ihrer Meinung unterstützt wird die 31-Jährige von Arbeitgeber und Geschäftsführer Claus Wedde. Bereits nach dem ersten Lesen ihrer Bewerbungsunterlagen vor zwei Jahren, in denen sich Gulssum Asgharzadeh auf einem Foto mit Kopftuch vorstellte, entschied er sich zu einem Vorstellungsgespräch. „Für mich steht immer an oberster Stelle, ob der Mensch zum Unternehmen und das Unternehmen zum Menschen passt. Dazu zählt auch die persönliche Ausstrahlung“, erklärt Claus Wedde. Eine Entscheidung, die nicht bei all seinen Kunden sofort auf Zustimmung traf, erinnert sich Wedde. So habe es Kunden gegeben, die den Kontakt zur Verkäuferin mieden oder sich bevorzugt von anderen Kassierern bedienen lassen wollten. Auch über die Social-Media-Plattform Facebook äußerten Kunden ihren Unmut gegenüber dem Kopftuchtragen am Arbeitsplatz.
Nichtsdestotrotz  seien es Ausnahmefälle, macht der Unternehmer deutlich. „Die meisten Kunden legen Wert auf eine freundliche und zuvorkommende Verkäuferin“ und genau das sei bei Gulssum außerordentlich gegeben.
Wie schwierig es allerdings ist eine Arbeitsstelle zu finden, in der Frauen sich nicht von ihrem Kopftuch trennen müssen, erfährt Gulssum Asgharzadeh tagtäglich in ihrem Bekanntenkreis. Trotz guter Schulabschlüsse finden viele Frauen keine Stelle und sind dementsprechend an ihr Zuhause gebunden. „Da wird Integration nahezu zur Diskriminierung“, weshalb sich viele gezwungen sehen, ihr Kopftuch gegen ihren Willen abzulegen, weiß die Mutter und Ehefrau zu berichten.
„Für uns ist das Zeigen in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch eher unangenehm. Schließlich ist es nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch eine alte Tradition“, erklärt Gulssum Asgharzadeh, die sich vor gut zehn Jahren dazu entschloss, diese fortzuführen und genauso wie ihre Mutter und Grußmutter ein Kopftuch als Zeichen ihrer islamischen Religionszugehörigkeit zu tragen.
Jedoch sei insbesondere die Vorstellung, frei und ohne Zwänge leben zu können der Grund gewesen, weshalb ihre Eltern 1997 dem Iran den Rücken kehrten, blickt Gulssum zurück: „Mein Vater war damals als Goldschmied tätig, wovon wir als Familie gut leben konnten. Doch der Wunsch, frei leben zu können und dass seine Kinder eine gute Ausbildung erhalten, war einfach stärker als das Heimatgefühl.“ Es sei schade, dass ein kleines Stück Stoff letztendlich für so viel Gegenwind und Diskussionen sorge, resümiert die zweifache Mutter.

 

Vorurteilen entgegentreten

Dieser Meinung schließt sich auch Claus Wedde an: „Es kann nicht sein, dass man Menschen, die sich mittlerweile sehr gut integriert und viele deutsche Freunde haben, aus der Gesellschaft ausschließt, nur weil sie ein Kopftuch tragen.“ Vielmehr müsse man sich der Diskussion öffnen und dadurch Ängsten und Vorurteilen entgegentreten. „Wir sind in unserem Laden ein echtes „Multi-Kulti-Team“, das aus seiner großen Vielseitigkeit enorme Kraft und Stärke zieht.“
Viel Potenzial würde durch Vorbehalte ungenutzt bleiben, ist Claus Wedde überzeugt. Für ihn gilt: Solange das Gesicht seiner Mitarbeiter frei und gut erkennbar ist, „kommt es auf den Inhalt und nicht auf die Hülle an.“

 

 

 



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