Kneipensterben: „Irgendwann ist es auch bei mir vorbei“

Paderborn. Das Kneipensterben beschäftigt die Paderborner – und jetzt auch die Politik. Die Grünen setzten das Thema auf die Tagesordnung der letzten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses in dieser Woche (wir berichteten). Die Anfrage der Ratsfraktion enthielt einen ganzen Fragenkatalog an die Verwaltung. „Immer wieder äußern Bürger uns gegenüber den Eindruck, es seien Auflagen des städtischen Ordnungsamtes im Rahmen der Konzessionserteilung, die zu den Schließungen führen“, äußerten die Grünen in einer Pressemitteilung eine Vermutung, die sie von der Verwaltung geklärt haben wollten. Und die Antworten gab es auch...

Bernie Queren, Gastwirt der Kneipe „Bei Bernie“, ist das generelle Rauchverbot ein Dorn im Auge. Den Artikel in der „Paderborn am Sonntag“ hat er aufmerksam gelesen. Foto: Björn Theis

Der Erste Beigeordnete Carsten Venherm antwortete darauf  in der Ausschusssitzung, dass Gaststätten meist aus persönlichen Gründen wie fehlende Nachfolge, Ablauf des Pachtvertrags, Pachterhöhungen oder aus Altersgründen geschlossen hätten. Keine einzige Schließung sei in den vergangen drei Jahren wegen Nichterfüllung von Auflagen erfolgt. Das Ordnungsamt Paderborn mache Gaststätten keine anderen Auflagen als andere Städte auch, erklärte Venherm. Im Stadtgebiet Paderborn gibt es nach Angaben der Verwaltung 403 Gastronomiebetriebe. Davon seien 290 in der Kernstadt zu finden, 63 in Schloß Neuhaus, 25 in Elsen, 9 in Sande, 8 in Wewer, 3 in Neuenbeken, jeweils 2 in Benhausen und Dahl sowie nur noch eine verbliebene Gaststätte in Marienloh.
Den Artikel über das Kneipensterben in der „Paderborn am Sonntag“ hat Bernie Queren, Gastwirt der Kneipe „Bei Bernie“ im Paderborner Riemekeviertel, aufmerksam gelesen. Eines hat ihn dabei auf die Palme gebracht: „Dass die Grünen das Kneipensterben beklagen, ist ein schlechter Witz. Sie haben das generelle Rauchverbot in NRW doch mit eingeführt, wodurch wir Gastwirte den Schlamassel haben.“ Um 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz, schätzt der 60-Jährige, bringt ihm das Qualmfrei-Gesetz. „Dabei hat niemand an kleine Eckkneipen wie uns gedacht.“ Zu seinen Gästen zählten viele Ältere, die würden zum Rauchen nicht rausgehen, wenn es draußen kalt ist. Stattdessen blieben sie zu Hause.

„Die sind fast alle weg“

Junge Leute würden auch  immer weniger reinkommen, klagt Bernie, und stattdessen lieber ihr Bier auf der Straße kaufen und trinken.
Auch mit den Spielautomatenumsätzen kann der Gastwirt nicht mehr rechnen: „Die brachten früher die Pacht ein und sind um 60 Prozent eingebrochen.“ Was seine Kneipe noch am Leben hält, seien viele Stammgäste, dass er zu 90 Prozent selbst hinter dem Thresen steht (und für diese Zeit keine Bedienung bezahlen muss) und eben die Tatsache, dass er  Fußballspiele zeigt, was viele Gäste in die Kneipe locke. Von der Stadt würde sich Bernie mehr Unterstützung während der Libori-Woche wünschen: „Auf dem Libori-Berg gibt es nicht einen Paderborner Wirt. Die Bierbuden werden stattdessen von Auswärtigen bestückt.“ Lediglich auf dem Pottmarkt seien noch zwei Buden dabei, die an Paderborner Gastwirte vergeben werden. „Die Gaststätten in der Innenstadt, im Umfeld des Geschehens,  leben von den Libori-Einnahmen. Wir, die weiter außerhalb liegen, haben nichts davon“, klagt der Wirt.
Ihn macht die Entwicklung der  Kneipenlandschaft Paderborns  traurig: „Wenn man früher an der Borchener Straße oder dem Querweg hochgegangen ist, reihte sich da Kneipe an Kneipe. Die sind fast alle weg.“ Und auch die Prognose für den eigenen Laden klingt nicht gerade optimistisch: „Irgendwann ist es auch hier bei mir vorbei.“
Das Kneipensterben wird auch auf der Facebook-Seite unserer Zeitung (www.facebook.com/pbams) munter diskutiert. User Michael Weiß schreibt etwa dazu: „Ich denke, es hat auch etwas mit fehlender Lobby für junge Menschen zu tun – was natürlich zu kleinen Teilen an den Jungen selber liegt. Aber die Stadt macht es einem diesbezüglich auch sehr schwer. Paderborn vergreist kulturell schneller als biologisch...“.
Reiko Rollow sieht das Problem beim Paderborner an sich: „Um zum Beispiel am am Place to Be zu sitzen, haut er sich überteuerten Convenience-Fraß und Cocktails aus dem Eimer rein und geht nicht mal zu jungen, innovativen Läden. Bei öffentlichen Veranstaltungen trägt man sein Bier im Rucksack mit sich rum, anstatt die ansässigen Läden zu unterstützen.“ In Paderborn sei es dazu nahezu unmöglich, bei Bestandsobjekten eine Neukonzessionierung hinzubekommen – „deshalb können sich auch keine neuen Viertel entwickeln. Weil keiner Lust hat sich die Finger zu verbrennen.“ Und Andy Schulze meint: „Es gibt doch nichts attraktives mehr. Die schönen urigen Kneipen sind für viele nicht mehr zeitgemäß. Darüber hinaus wird es auch immer teurer rauszugehen.“

„Gastronomie lebt von Ideen“

Eine ganz andere Sicht der Dinge bringt Peter Hoffmann via Facebook in die Diskussion mit ein. Er betreibt die Bar „Marley’s“ in Beverungen.  „Seit dem generellen Rauchverbot läuft es bei mir erheblich besser. Liegt zum einen daran, dass man sich immer neu erfinden muss und ich meinen auch im Winter nutzbaren Außenbereich erweitert habe. Außerdem habe ich am Konzept gefeilt.“ Dazu sei natürlich gesagt, dass der Gastwirt ganz andere Möglichkeiten hat, als eine kleine Eckkneipe. Peter Hoffmann jedenfalls hat das generelle Rauchverbot mehr geholfen als geschadet – „und seien wir mal ganz ehrlich –  die meisten, die ich kenne, gehen zu Hause auf den Balkon zum Rauchen, das will keiner mehr haben“, meint er. Schon so mancher seiner Gäste habe gar seine neue Liebe bei der Kippe vor der Kneipe beim gemeinsamen Rauchen kennengelernt. „Die Zeit bleibt nicht stehen – und wer wegen des Rauchverbots nicht mehr raus geht, soll daheim bleiben“, findet Hoffmann. Wirte wie er könnten nix dazu, „und wie ich sehe, geht es auch gut ohne.“ Seinen Kollegen rät er dazu, die Ärmel hochzukrempeln: „Gastronomie lebt von Ideen und nicht vom Jammern.“



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