Vorwürfe, Rücktritte, Ermittlungen: Dominic Gundlach (FDP) gibt auf

Paderborn. Die Schlammschlacht um Dominic Gundlach hat einen tiefen Riss durch die Paderborner FDP gezogen. Nachdem der Unternehmer in Folge der schwerwiegenden Vorwürfe gegen ihn und sein Unternehmen G&J Services als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten war, gab er am Freitag auch sein Ratsmandat ab. Die FDP-Fraktion begrüßte den Schritt.

Von Björn Theis

Der Druck war endgültig zu groß geworden, als auch noch bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Paderborn gegen Gundlach und  dessen Reinigungsfirma  wegen möglicher Insolvenzverschleppung ermittelt. Kein Tag ist in dieser Woche vergangen, an dem es nicht neue Entwicklungen gab. Auslöser sind die schweren Vorwürfe gegen den FDP-Mann: Zahlreiche Ex-Beschäftigte seiner Reinigungsfirma G&J sind an die Öffentlichkeit gegangen, weil sie auf ihren Lohn warten (wir berichteten).
Vor dem Paderborner Arbeitsgericht fanden bereits mehrere Prozesse statt und tun es immer noch. Immer mehr betroffene Mitarbeiter meldeten sich zu Wort – und mit jedem einzelnen wuchs der Druck auf Gundlach. Als Konsequenz erklärte der 35-Jährige zunächst mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt als Vorsitzender der Paderborner FDP-Fraktion – jetzt folgte auch der Rückzug aus dem Rat.
Der Entschluss, nur den Fraktionsvorsitz ruhen zu lassen, sorgte für keine Ruhe bei den Liberalen – im Gegenteil. Einigen Parteikollegen war dies zu wenig, sie forderten auch die Rückgabe des Ratsmandats.  Zwei FDPler haben daher ihrerseits Konsequenzen gezogen: Sascha Pöppe und Kevin  Heetfeld gehören ab sofort nicht mehr der Fraktion an, behalten allerdings die Parteimitgliedschaft. „Als liberaler Politiker mit einem klaren moralischen Kompass, kann ich die von der Ratsfraktion getroffene Entscheidung, keine weitergehenden Konsequenzen aus dem Verhalten Dominic Gundlachs zu ziehen, nicht mittragen. Die in den vergangenen Tagen bekannt gewordenen Vorwürfe sind meiner Meinung nach mit einer Ratsmitgliedschaft unvereinbar. Die Mehrheit der dreiköpfigen FDP-Ratsfraktion sieht dies leider anders“, begründete Pöppe seinen Entschluss in einer Erklärung. Ähnlich äußerte sich Kevin Heetfeld, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Paderborn, der namentlich auch Karsten Grabenstroer, FDP-Ratsherr und Nachfolger Gundlachs als Fraktionsvorsitzender, scharf angriff: „Da die Fraktion sich nicht von dem Verhalten Gundlachs distanzieren wollte, werde ich mich distanzieren. Als Kommunalpolitiker hat man eine Vorbildfunktion, die Dominic Gundlach und Karsten Grabenstroer als dessen Unterstützer im Hinblick auf den Verbleib im Rat der Stadt Paderborn mit Füßen treten.“

Sascha Pöppe fordert "klare Distanzierung"


Nach dem nun erfolgten Rücktritt Gundlachs vom Ratsmandat ließ Sascha Pöppe gegenüber dieser Zeitung durchblicken, möglicherweise doch wieder in die Fraktion zurückzukehren. Er stellte allerdings eine Bedingung: „Es kommt darauf an, wie sich die Partei jetzt verhält. Ich erwarte eine klare Distanzierung von Dominic Gundlach“, sagte Pöppe, der  von einem „Sieg der Vernunft“ sprach.
Dass die Staatsanwaltschaft Paderborn wegen möglicher Insolvenzverschleppung ermittelt, war dann endgültig zu viel: Dominic Gundlach hat nach dem Verzicht auf den Fraktionsvorsitz der Paderborner FDP am Freitag auch den Rückzug aus dem Rat folgen lassen. In einer knappen Presseerklärung gab der 35-Jährige diesen Schritt bekannt: „Der mediale Druck der vergangenen zwölf Tage gefährdet aktuell 150 Arbeitsplätze. Diese zu erhalten bedarf nun meiner vollen Aufmerksamkeit“, so Gundlach, nachdem er Bürgermeister Michael Dreier über seinen Rücktritt informiert hatte. Nachfolger soll Alexander Senn werden.
Was bisher an Vorwürfen von früheren Mitarbeitern des Unternehmens an die Öffentlichkeit gelangt ist, wiegt schwer. So meldete sich auch eine Ex-Beschäftigte der Reinigungsfirma G&J mit ihrer Geschichte an unsere Zeitung. Sie war mit einer Kündigungsschutzklage gegen ihren früheren Arbeitgeber vorgegangen.

„Katastrophale Bedingungen“

Im November 2015 beschloss das Gericht einen Vergleich, nachdem G&J seiner früheren Mitarbeiterin zur Beilegung des Rechtsstreits eine Summe zahlen sollte. Doch auf das Geld wartete sie erfolglos, wie die Klägerin im Gespräch mit der „Paderborn am Sonntag“ berichtet. Eine Pfändung lief anschließend ins Leere, „weil Herr Gundlach ständig seine Konten wechselte“, sagt die seinerzeit als Reinigungskraft am Flughafen eingesetzte Frau.  Mehrmals habe sie telefonisch versucht, das Unternehmen zur Rede zu stellen, „aber es wurde jedes Mal aufgelegt“.
Als letztes Mittel stellte sie im März über ihren Anwalt einen Strafantrag wegen Eingehungsbetrug und ein Gerichtsvollzieher wurde eingeschaltet. Aber auch danach tat sich lange nichts. „Ich hatte eigentlich schon abgeschlossen mit der Sache“, erzählt die frühere Angestellte, als im Juni 2016 überraschend doch das Geld auf ihrem Konto einging.  Die Frau berichtet von – nach ihrer Aussage – „katastrophalen Arbeitsbedingungen“, die letztlich zu ihrer Kündigung führten. „Das Einhalten von Ruhezeiten kennt Herr Gundlach nicht“, wirft  sie dem Geschäftsführer vor. Sieben Tage  habe sie arbeiten müssen, ohne freien Tag. 20 Stunden seien pro Woche vertraglich festgelegt gewesen, „tatsächlich waren es 130 bis 250 Stunden pro Monat“, berichtet die Frau.
Zum Bruch mit der Reinigungsfirma G&J sei es gekommen, als sie spontan für eine Kollegin einspringen sollte. „Es war der 18. Geburtstag meiner Tochter, weshalb ich mir extra freinahm. Wir hatten das Haus voll mit Leuten und ich war dementsprechend eingespannt.“ Dann sei der Anruf ihres Arbeitgebers gekommen, sie solle sofort zum  Flughafen kommen – eine Kollegin hatte sich krankheitsbedingt abgemeldet, sie sollte einspringen. Da die Mutter eigentlich unabkömmlich war zu Hause, habe sie sich zunächst dagegen gesträubt.
49 Verfahren seit 2015
Später soll ein Anruf von Dominic Gundlach persönlich erfolgt sein: „Er sagte im Original-Ton, ich solle meinen A.... dahin bewegen“, erzählt die Frau von dem Telefonat. Sie sei dann doch an den Flughafen gefahren. Später habe sie sich bei einer Vorgesetzten über den Vorfall beschwert – Resultat sei die Kündigung gewesen, gegen die sie am Ende erfolgreich mit  rechtlichen Schritten vorgegangen ist. Die Frau spricht auch von unzumutbarer Arbeit an sich. Entgegen den öffentlichen Aussagen von Gundlach seien die Arbeitsmaschinen regelmäßig defekt gewesen. Das bedeutete: „Ich musste den kompletten oberen Sicherheitsbereich des Flughafens mit der Hand putzen – und das innerhalb von dreieinhalb Stunden.“ Es habe Zeiten gegeben, „da habe ich die Maschine in 14 Tagen nicht einmal gesehen.“ Ihre Kündigung habe sie damals einen Tag vor ihrem Geburtstag erhalten: „Aus heutiger Sicht war es mein schönstes Geschenk“, sagt die Frau, die mittlerweile wieder eine Anstellung in ihrem erlernten Beruf gefunden hat und glücklich ist.  
Welche Dimensionen der Skandal um die Firma G&J Services angenommen hat, legen die Angaben der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt offen.  Gianpaolo Mosca, Gewerkschaftssekretär im Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe, bestätigte auf Anfrage dieser Zeitung, dass allein im Jahr 2016 am Arbeitsgericht Paderborn 31 Gerichtsverfahren in der Sache stattgefunden haben. Die Gewerkschaft spricht seit 2015 von insgesamt 49 Fällen.  Es handelte sich demnach um 45 Lohnforderungen, zwei Kündigungsschutzklagen und zwei Fälle, bei denen es um fehlende Abrechnungen oder Zeugnisse ging. Und dabei wird es nicht bleiben: Ein weiterer Gütetermin ist laut Gianpaolo Mosca in der kommenden Woche  vor dem Arbeitsgericht anberaumt.
Welche Kreise der Skandal noch zieht, ist nicht abzusehen. Unterdessen wird  es  für die FDP nach dem Rücktritt  von Dominic Gundlach darum gehen, ihre Reihen wieder zu schließen. 

 

Kommentar

Sauber ist bei der Reinigungsfirma G&J von Dominic Gundlach vieles nicht gelaufen. Das dokumentieren die Geschichten zahlreicher Mitarbeiter, die ihren Lohn nicht erhalten und die Arbeitsbedingungen angeprangert haben. Der erst jetzt scheibchenweise erfolgte Rücktritt aus dem Rat wäre schon hier – zusammen mit dem Verzicht auf den FDP-Fraktionsvorsitz – fällig gewesen. Dass die Staatsanwaltschaft, wie jetzt noch bekannt geworden ist, wegen möglicher Insolvenzverschleppung gegen Gundlach ermittelt, ließ ihm keine Wahl mehr. Solche Vorwürfe gegen einen Unternehmer, der gleichzeitig Ratsvertreter und FDP-Fraktionschef ist, passen nicht in das Bild einer Partei, die sich anschickt, für die Interessen von Arbeitnehmern einzutreten. Die Fraktion muss den entstandenen Scherbenhaufen nun zusammenkehren und die tiefen Risse kitten, um verlässlicher Partner in der „Rats-Koalition“ mit der CDU zu bleiben. Spannend   wird, wie die Aufarbeitung gelingt und was die Konsequenzen sind.                                                            theis@pbams.de



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