Zuhause bei… Tanja Rubens, Vorsitzende der jüdischen Kulturgemeinde

Zweites Zuhause: Tanja Rubens, Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, verbringt viel Zeit in ihrem Büro im Gemeindehaus. Neben vielen jüdischen Büchern und religiösen Kalendern hängt dort auch eine Karte von Israel (rechts hinten). Foto: Birger Berbüsse

VON BIRGER BERBÜSSE

Paderborn. Groß sind sie wahrlich beide nicht: Sowohl Tanja Rubens als auch die jüdische Kultusgemeinde Paderborn, der die 65-Jährige seit 2008 vorsteht, darf man als klein bezeichnen. Tanja Rubens misst 1,46 m, und die Gemeinde ist mit 65 Mitgliedern die kleinste in Westfalen. Dabei ist sie sogar neben dem Kreis Paderborn noch für die Kreise Soest und Höxter zuständig. Doch beide, die Vorsitzende wie auch die Gemeinde selbst, sind von großer Bedeutung für Paderborn.

Kleine Wohnung in der Innenstadt

„Ich nenne gewissermaßen zwei Orte mein Zuhause“, beschreibt Tanja Rubens auf warmherzige Weise, welche Bedeutung ihr Glaube und ihr Amt für sie haben. So wohnt die 1995 von St. Petersburg nach Deutschland Zugewanderte mit ihrem Mann in einer kleinen Vier-Zimmer-Wohnung in der Paderborner Innenstadt, ist aber täglich im jüdischen Gemeindehaus in der Pipinstraße 32 in der Südstadt zu finden, das nur wenige Minuten entfernt liegt.

In diesem 1959 gebauten und durch seine runde Front auffälligen Gebäude liegt der Mittelpunkt der Juden aus der Region. Geschichtlich gesehen ist es aus dem Grunde etwas besonderes, als dass das Haus in der Nachkriegszeit für die jüdische Gemeinde gebaut wurde –die alte war 1938 zerstört worden. Hier kommen die Menschen jüdischen Glaubens für ihre Gottesdienste in der nach Jerusalem ausgerichteten Synagoge zusammen und treffen sich zu gemeinsamen kulturellen Abenden oder Glaubensgesprächen im großen Gemeinderaum.
Tanja Rubens, die ein Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland nach Paderborn zog, meldete sich damals sofort bei der Gemeinde an. „Es war mir sehr wichtig, in eine Stadt mit einer jüdischen Gemeinde zu kommen“, betont sie. Denn der jüdische Glaube durchzieht ihr ganzes Leben.

Das spiegelt natürlich auch ihr Zuhause wider: In ihrer Wohnung hängt, wie in jedem traditionell jüdischen Haushalt, in allen Türen die kleine „Mesusa“ (dt. Türpfosten) – eine kleine Kapsel mit zwei auf Pergament geschriebenen Abschnitten aus dem „Schma Jisrael“ (dt. „Höre Israel“, gewissermaßen das Glaubensbekenntnis der Juden). Auch die „Menora“, der siebenarmige Leuchter und eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums, steht dort. Schwieriger gestaltet es sich für gläubige Juden allerdings, „koscher“ (dt. rein) zu leben, erklärt Tanja Rubens.

Glücklicherweise gebe es mittlerweile einen jüdischen Laden in Dortmund. „Dort kaufen wird dann in großen Mengen für die Gemeinde ein“, erzählt die Vorsitzende mit einem Lächeln. Gewählt wurde sie vor bald drei Jahren, nachdem sie schon lange in der Gemeinde mitgearbeitet hatte. Eigentlich wollte sie gar nicht, aber niemand sonst bot sich für den wichtigen Posten an. „Dann hätte es die Gemeinde nicht mehr gegeben“, sagt sie mit ernstem Blick. Undenkbar nach allem, was Juden auch in Paderborn unter der Naziherrschaft erleiden mussten.

So gehört zu Tanja Rubens vielen Aufgaben auch der Schutz ihrer Gemeinde vor Antisemitismus. Denn der sei noch nicht überwunden, sagt sie, wovon besonders die ständige polizeiliche Überwachung des Gemeindehauses und die vielen Kameras, aber auch Hass-Mails oder -Anfrufe zeugen.

„Vertrauen in die Menschen“

„Ich habe aber Vertrauen in die Menschen“, hegt Tanja Rubens die Hoffnung, dass ihr Wunsch nach „Normalität“ in Erfüllung gehen wird. Dafür setzt sie sich unermüdlich ein, hält Vorträge und Kontakt zu anderen Glaubensgemeinschaften und verbringt gerne Stunden in ihrem dortigen Büro. Schließlich ist das Gemeindehaus ihr zweites Zuhause.