Paderborn. Die letzten Meter sind ein erhebendes Gefühl: Als ich auf der Straße über einen Hügel laufe, zeigt sich zum ersten Mal die Kathedrale von Santiago de Compostela. Jetzt ist es nur noch etwas mehr als ein Kilometer.

Ich pilgere mit dem Rucksack – dem ständigen Begleiter – durch die Altstadt, passiere einen Bogen, in dem Straßenmusiker den finalen Einlaufakkord spielen. Die letzte Muschel (Erkennungszeichen und Wegweiser für Pilger) weist mir den Weg – jetzt bin angekommen und stehe mitten auf dem Platz der Kathedrale – dem Ziel nicht nur meiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Menschen fallen sich vor Freude in die Arme, es geschafft zu haben. Andere genießen den Moment im Stillen – zu denen auch ich gehöre.
Am 7. August in diesem Sommer endet mein Weg, der bereits ein Jahr zuvor begann. „Ich bin dann mal weg“. Ja, auch mich hat Hape Kerkeling dazu inspiriert, hunderte Kilometer zu Fuß durch Spanien zurückzulegen – wie Millionen andere auch. Angefangen hat es mit der Verfilmung seines Buch-Klassikers, die mich im Kino gefesselt hat. Anschließend habe ich mir den Bestseller noch durchgelesen und endgültig Feuer gefangen. Für mich war klar: Ich möchte den Weg laufen, raus aus dem Alltag und mich dieser Herausforderung stellen. Nur das nötigste bei mir, in einem Rucksack tragen. Wozu auch zählt, in Herbergen zu schlafen, die nicht immer höchsten Standards entsprechen. Egal.

Das Meer und schroffe Felsküsten

Viele Wege führen nach Santiago de Compostela – welcher ist für mich der richtige? Diese Frage hat mich im Vorfeld lange beschäftigt. Nach intensiver Internetrecherche und dem Gespräch mit einem Insider (vielen Dank an Christian Seebauer) steht meine Entscheidung fest: Ich werde auf dem Küstenweg pilgern, der Urvariante des Jakobsweges, die noch relativ unbekannt ist. Mich überzeugt der Gedanke, den Atlantik zu sehen, von schroffen Felsküsten auf das Meer zu schauen und die Ruhe zu genießen. Letzteres ist das Argument gegen den berühmten Camino Frances, der – auch wegen Hape Kerkeling – allzu überlaufen ist.
Und so stehe ich im August 2016 kurz hinter Bilbao, mit geliehenem Rucksack und wenige Tage zuvor erst gekauften Wanderschuhen.

Mit einer Mischung aus Vorfreude und Aufregung mache ich die ersten Schritte, entdecke die ersten gelben Pfeile, die einem jeden Pilgerer den Weg weisen. Jetzt bin ich einer von ihnen! Schon nach den ersten zehn Kilometern, im Örtchen Portugalete, kann ich erstmals das Meer sehen – welch ein herrlicher Anblick und was für ein Start, der Lust auf mehr macht. Unter Pilgern fühlt es sich an wie in einer großen Familie. Man grüßt sich, obwohl man sich gar nicht kennt. Zwar fremd, wünscht sich jeder auf Spanisch ein „Buen Camino“ (übersetzt: „Guten Weg“) im Vorbeigehen. Und wenn man mal Hilfe braucht, kann man sich sicher sein, diese auch zu bekommen.

Kontakte knüpft man auf dem Jakobsweg ständig. „Du musst den Weg allein gehen, sonst gibt er seine Geheimnisse nicht Preis“, rät Hape Kerkeling in seinem Buch. Kann ich so bestätigen. Die vielen Begegnungen allerdings bereichern das Abenteuer. Man trifft die unterschiedlichsten Menschen, aus den verschiedensten Ländern, mit den vielfältigsten Motiven, diesen Weg zu gehen – auf der Suche nach Gott, zu sich selbst, den Liebeskummer zu besiegen oder zusammen eine intensive Zeit mit Freunden zu verbringen. Für mich ist es ein Mix aus mehreren Gründen: zum einen ist es die sportliche Herausforderung, die Erlebnisse eines Jahres aufzuarbeiten und einzuordnen, neue Ziele zu definieren, sich selber neu kennenzulernen sowie Ruhe und Gelassenheit nach kräftezerrenden Monaten zu finden. Der Plan geht auf – denn wenn man sich erst einmal „eingepilgert“ hat, sprudeln die Gedanken nur so. Neue Denkanstöße liefern die Gespräche mit den anderen auf dem Weg oder beim gemeinsamen Bier bzw. Wein am Abend.

Ich will allerdings auch nicht verschweigen, dass es Situationen gibt, die einen an Grenzen stoßen lassen. Etwa wenn man vom Regen durchnässt, kilometerlang auf hartem Straßenasphalt laufen muss und Lkws eng an einem vorbeizischen. Aber auch an diesen Situationen wächst ein Pilger – und der nächste Tag kann bei Sonnenschein schon wieder ein richtig guter sein.

Schöne und schwere Momente

Nach gut 310 Kilometern führt mich der Camino im vergangenen Jahr nach Gijon – das (vorläufige) Ende meiner ersten Pilgerreise. Es lief geradezu perfekt, ohne eine einzige Blase an den Füßen oder andere körperliche Beschwerden. Schon da steht für mich fest: Ich will ans Ziel nach Santiago de Compostela! Und so setze ich in diesem Jahr meine Mission fort. Arbeitsbedingt bleiben mir erneut knapp drei Wochen, in denen ich 350 Kilometer schaffen muss. Mit dem Flieger geht es nach Santander, mit dem Bus weiter nach Gijon. Dort, wo vergangenes Jahr alles endete, geht es nun weiter. Doch mein zweites Mal steht unter keinem guten Stern. Gleich am ersten Tag laufe ich mir eine große Blase am Fußballen, die sich entzündet und mich einen Tag zum Aussetzen zwingt. Bedingt durch das falsche Auftreten, um den Fuß zu schonen, schmerzt  es irgendwann an gleich mehreren Stellen – von Rücken, Bein, bis Fuß.

Zugegebenermaßen   stehe ich kurz vorm Aufgeben, als ich eines Morgens in einem Café in Luarca sitze. Die anderen Pilger sind längst weitergezogen. Ich sitze da, bei einem Kaffee und einer spanischen Tortilla zum Frühstück, überlege wie es weitergehen soll und ob es weitergehen kann. Aber jetzt aufzugeben, zurück nach Deutschland zu fliegen – das wäre schon verdammt traurig. Ich laufe einfach los, versuche die Schmerzen beim Auftreten zu ignorieren, die sich nach einigen Kilometern auch mehr und mehr verflüchtigen. Von da an geht es aufwärts – auch was die Höhenmeter betrifft. So geht eine Etappe nach Gontan die letzten 16 Kilometer nur bergauf. Durch tolle Landschaften, einsame Strände und ein imposantes Küsten-Panorama wird der Pilger allerdings für seine Anstrengungen entschädigt. Hinter der Stadt Ribadeo wird das Meer endgültig verlassen und auf den letzten 30 Kilometern mündet der Weg auf den großen Camino Frances. Hier ist dann vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit. Urplötzlich befindet man sich unter teils ganzen Gruppen, die dem Ziel Santiago entgegenströmen. Die Vorfreude auf das Ankommen ist spürbar – auch bei mir. Auf der letzten Etappe koste ich jeden einzelnen Kilometer nochmal aus. 25 oder 30 habe ich an jedem der insgesamt 15 (Lauf-)Tage absolviert, um hier hin zu gelangen. Als ich auf dem großen Platz der Kathedrale stehe, überrennen mich die Gefühle. Zugegebenermaßen verdrücke ich die ein oder andere Träne, weil sich die schönen und schweren Momente der vergangenen Tage noch einmal vor dem geistigen Augen abspielen. Außerdem weint jeder Pilger mindestens einmal auf dem Weg – so heißt es jedenfalls. Wer mit dem Gedanken spielt, den Jakobsweg zu gehen, dem kann ich nur empfehlen, es einfach zu tun. „Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück“, schreibt Hape Kerkeling über die Magie des Camino. Nach 660 gelaufenen Kilometern kann ich das nur bestätigen!