Die Paderborn am Sonntag hat den Jäger Christoph Schön in sein Revier begleitet

Es hat geregnet. Der Wind bläst über die Baumwipfel. „Kein gutes Wetter für die Jagd“, sagt Christoph Schön auf dem Weg in sein 130 Hektar großes Jagdrevier in der Hövelhofer Senne, das er für zehn Jahre gepachtet hat und überwiegend aus Waldflächen besteht.

„95 Prozent der Tätigkeit eines Jägers ist nicht das Jagen, sondern die Beobachtung und Pflege der Natur

Christoph Schön

Viele Pächter haben auch große und bewirtschaftete Felder in ihrem Revier, was zwar einen freien Blick ermöglicht, aber auch große Verantwortung mit sich bringt. Denn für nicht versicherbare Wildschäden an Getreidefeldern oder Wiesen haftet der Jäger. Ein von Wildschweinen leer gefressenes Maisfeld wird so zur teuren Hypothek. Deswegen kümmert sich ein Jäger auch um die Instandhaltung der Zäune in seinem Revier, bevor eine hungrige Wildschweinrotte auf der Suche nach Futter ein ganzes Feld umpflügt. Bevor es aber auf den Hochsitz geht und die eigentliche Jagd beginnt, wird das Jagdrevier kontrolliert. Unscheinbare Fährten auf dem Boden zeigen dem ausgebildeten Fachmann, welche Wildtiere dort entlang gelaufen sind. Sogenannte Wechsel, schmal ausgetretene Stellen im Boden, geben Hinweise auf regelmäßigen Wildverkehr in diesem Bereich. „95 Prozent der Tätigkeit eines Jägers ist nicht das Jagen, sondern die Beobachtung und Pflege der Natur“, erklärt Schön, der die Aufgaben eines Jägers zu Unrecht auf Waffen, Schießen und Töten reduziert sieht. Einen großen Teil seiner Arbeit mache die freiwillige Selbstverpflichtung der Jäger auf Bergung und Entsorgung von Unfallwild an Straßen – sehr häufig nachts – sowie die Entfernung von Müll aus, der regelmäßig im Wald abgelagert würde.

Wir Jäger verstehen uns auch als staatlich geprüfte Naturschützer

Christoph Schön

Die Bandbreite reiche von gestohlenen Zigarettenautomaten über kaputte Kinderwagen und den üblichen Verpackungsmüll der mutwillig aus dem Fenster des Autos geschmissen werde. Das ärgert Christoph Schön, der die Jagd auch als Beitrag zum Naturschutz sieht. „Wir Jäger verstehen uns auch als staatlich geprüfte Naturschützer, die nach einer harten, mehrmonatigen Ausbildung unter anderem in den Bereichen Natur- und Landschaftspflege, Wildbiologie, Waffentechnik, Tierschutz, Jagdrecht anspruchsvolle staatliche Prüfungen bestehen müssen“, stellt Schön fest. Schön hat 15 Hochsitze und Kanzeln in seinem Revier, die von ihm regelmäßig instand gesetzt werden müssen. Einer der Hochsitze wurde durch einen Sturm von einem umgestürzten Baum unter sich begraben. Auch wenn es häufig so aussieht, als würden die Hochsitze mitten im Wald stehen, täuscht dieser Eindruck. Der Jäger braucht nämlich freie Sicht auf entlanglaufende Tiere, die er nach amtlich festgelegtem Abschussplan erlegen kann. Deswegen stehen Hochsitze, die über einen geräuscharmen Pirschweg erreicht werden können, an freien Feldern oder an Wildwiesen – künstlich geschlagene Schneisen im Wald, die den Tieren auch einen Nahrungsvorrat bieten, denn der Jäger soll nach dem Jagdgesetz nicht nur den Bestand der Wildtiere kontrollieren, sondern für die „Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen“ sorgen.

Christoph Schöns Jagdgebiet umfasst 130 Hektar und 15 Hochsitze oder offene Kanzeln.

Das nennt der Jäger auch „Waidgerechtigkeit“, ein eher unbestimmter Begriff unter dem sich rechtliche und jagdethische Vorstellungen versammeln. So ist die Jagd mit einem nachtsichtfähigen Zielfernrohr grundsätzlich nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt, da die Tiere auch eine realistische Chance bekommen sollen, dem Jäger zu entkommen. Das Wild als Lieferant von gesundem Bio-Fleisch, so die Vorstellung vieler Jäger, müsse durch die erworbene Jagdkunst und nicht durch High Tech geschossen werden, denn die Sinne eines Tieres sind den Menschen oft in vielfacher Hinsicht überlegen, weswegen der Jäger oft schon von Weitem gewittert wird. Auf dem Hochsitz ist es an diesem Abend ruhig. Auch mit dem Fernglas ist kein Tier zu entdecken. Käme doch ein Wildschwein in Sicht- und Schussweite, käme es auch auf den Winkel an, in dem es zum Jäger steht. Als Prämisse gilt: Das Tier sollte beim ersten Schuss tödlich getroffen werden. Der Jäger versucht sich dabei am Blattschuss, bei dem Herz, Lunge und Blutgefäße getroffen werden. Im Idealfall fällt das Tier tot um, bevor es den Schuss gehört hat. Sollte dieses im Ausnahmefall nicht sofort gelingen, ist der Jäger verpflichtet, das Tier nachzusuchen und von seinem Leiden sofort zu erlösen. „Das ist ein großer Stressfaktor für den Jäger, denn natürlich will man nicht, dass Tiere leiden, im Zweifel schießt man erst gar nicht“, erklärt Christoph Schön. An diesem Abend gelingt es Christoph Schön zwar nicht, ein Tier zu schießen, das sei für ihn aber kein Problem, sagt Schön, der die Jagd vor allem als Möglichkeit zum Runterkommen und zur und Freude an der Natur sieht.

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