Zuhause bei Michael Dreier: Bürgermeister wird bei Sauerkraut schwach und tankt durch Bienen neue Kraft

Der Hobby-Imker zeigt seine Bienen im Garten: „Eine Tankstelle der Ruhe und Muße“. Fotos: Björn Theis

An Michael Dreier ist ein begeisterter Koch verlorengegangen. Ehefrau Beate lobt seine Künste in der Küche. Hier bereitet der Rathaus-Chef gerade das von ihm geliebte Sauerkraut zu.

VON BJÖRN THEIS

Salzkotten-Verne/Paderborn. Das eigentlich ganz normale, fast unscheinbare rote Klinkerhaus in Salzkotten-Verne lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, welche Persönlichkeit darin residiert. Erst der Name auf dem Klingelschild gibt Aufschluss darüber, um wessen Anwesen es sich handelt: Familie Dreier. Die PBamS ist zuhause beim Paderborner Bürgermeister. „Kommen Sie herein“, gewährt der erste Mann der Stadt Zutritt in sein Heim. Der Weg führt durch die Räume des Hauses – „im Landhaus-Stil“, wie Michael Dreier die Einrichtung beschreibt – hinaus auf die Terrasse. Dieser Freitag am Oktober-Anfang, am späten Nachmittag, ist einer der letzten Tage des Jahres, an denen es möglich ist, bei Sonnenschein draußen zu sitzen. Eine grüne Oase erschließt sich dem Betrachter beim Blick in den weitläufigen Garten.

„Vor 21 Jahren, zur Geburt unseres Sohnes Lukas, sind wir hier eingezogen“, erinnert sich Dreier. Der jüngste Spross wohnt noch immer mit unter dem Dach, die Töchter Kirsten (30) und Carolin (26) hat es nach Paderborn gezogen. Auf die Frage, warum er sich hier wohl fühlt, zählt der Paderborner Bürgermeister spontan gleich mehrere Vorzüge auf: „Es ist das Haus, welches wir selbst aufgebaut haben. Hier sind unsere Kinder groß geworden, wir haben nette Nachbarn und es ist eine ruhige Wohnlage.“

Umzug geplant

Von Salzkotten werden die Dreiers in absehbarer Zeit Abschied nehmen und es den Töchtern gleich tun. Bereits im Wahlkampf des vergangenen Jahres hatte der Chef im Rathaus angekündigt, im Falle der Wahl seinen Wohnsitz nach Paderborn zu verlegen. „Wir suchen gerade eine Wohnung oder ein Haus. Aber wir machen das in Ruhe“, verrät der 53-Jährige und meint mit „Wir“ natürlich sich selbst und seine Frau Beate, die mit am Tisch sitzt. Die Liebe zu ihr hat Dreier, der in Paderborn geboren wurde und in Anreppen aufwuchs, einst nach Verne und damit in ihren Heimatort geführt.

Ein langer Lebensabschnitt wird mit dem Umzug enden. „Viele Verbindungen stecken in diesem Haus und in diesem Ort, das wird sicher nicht leicht“, gesteht der Kommunalpolitiker und Verwaltungsfachmann. Für ihn ist es aber ein logischer Schritt: „Ich bin sowieso die meiste Zeit in Paderborn.“ Ehefrau Beate holt bei diesem Thema eine Tafel mit einem Spruch aus dem Haus, der dort an der Wand hängt. „Ein Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen“, zitiert sie und ihr Mann nickt zustimmend. Das Zitat stammt vom französischen Schriftsteller André Giede. Michael Dreier haben die Zeilen beim Amtswechsel als Bürgermeister von Salzkotten nach Paderborn ermutigt – und sie treffen für ihn auch jetzt beim bevorstehenden häuslichen Ortswechsel zu. Auf die Frage, wie der Tagesablauf eines Verwaltungschefs aussieht, erzählt er: „Ich fahre um 7.30 Uhr morgens aus dem Haus und bin meist gegen 22 oder 22.30 Uhr am Abend wieder zu Hause. Und das eigentlich sieben Tage die Woche.“

Wenn er nach Hause kommt, setzt oder legt er sich meist nur noch eine halbe Stunde aufs Sofa und schaut Nachrichten, bevor der Gang ins Bett ansteht.

Als Bürgermeister von Salzkotten sei das nicht sehr viel anders gewesen, die Dimension der Termine sei allerdings eine ganz andere: „In Paderborn ist alles mal zehn“, findet Dreier und begründet dies etwa mit den vielen Global Playern an Unternehmen vor Ort, der immer weiter wachsenden Universität und der großen Kirchenlandschaft. Deshalb sei er auch mit einer großen Portion Demut an seine Aufgabe herangegangen.

Der Hobby-Imker zeigt seine Bienen im Garten: „Eine Tankstelle der Ruhe und Muße“. Fotos: Björn Theis

Nach mehr als den obligatorischen 100 Tagen im Amt kann er sagen: „Ich habe keine Sekunde bereut“, allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es ihm auch eine Herzensangelegenheit gewesen ist, zehn Jahre Bürgermeister von Salzkotten gewesen zu sein. „Aber“, ergänzt Dreier, „ich wollte nochmal was anderes machen.“ Er ist gekommen, um zu bleiben – „gerne zwei oder drei Amtsperioden, sofern es die Bürger natürlich auch wollen.“ Der große Zuspruch unter den Paderbornern und die Herzlichkeit würden ihm viel bedeuten. Bei Beate Dreier finden die Worte Zustimmung: „Wir sind sehr wohlwollend und freundlich aufgenommen worden.“

Bürgermeister zu sein, sei kein Beruf, sondern eine Berufung,, davon ist Dreier überzeugt. Für das Amt müsse man auch die passende Familie haben, die Verständnis für die große zeitliche Entbehrung aufbringt. Die hat er zum Glück und versucht im Gegenzug, sich soviel Freiräume wie möglich zu nehmen: „Wenn ich mal Freizeit habe, dann genieße ich die mit meiner Frau.“ Und zu Hause hat die das Zepter in der Hand, daraus macht der Ehemann keinen Hehl.

Dreier mag es deftig

Wenn die Zeit es erlaubt, lässt sich Beate Dreier gern von ihrem Michael bekochen: „Manchmal denke ich, dass er das besser kann als ich“, erzählt sie und lacht dabei. Zu seinen Lieblingsgerichten zählt Deftiges, etwa Sauerkraut, Grünkohl oder ein Kartoffelsalat – natürlich selbstgemacht. Bei einem netten Abend mit Freunden kann der Bürgermeister bestens abschalten vom beruflichen Alltag.

Und dann kommt es auch schon mal zu Duellen am Kickertisch, der gerade allerdings mit Kartons zugestellt ist.

Während des Gesprächs zeigt Michael Dreier eine weitere Leidenschaft – es geht zum Bienenstock, der sich im Garten befindet: „Leider bleibt mir dafür mittlerweile nur noch ganz wenig Zeit“, bedauert der Hobby-Imker, während er seine spezielle Schutzkleidung angezogen hat und die Bienen in großer Zahl um ihn herumschwirren. Zwei Völker befinden sich hier noch, die anderen Neun hat ein Freund der Familie übernommen. Dreier schwärmt von der Arbeit mit den Bienen: „Imkern ist für mich eine Tankstelle der Ruhe und Muße. Näher kann man die Faszination Natur nicht erleben.“ Klar, dass auf den Frühstückstisch der Familie eigener Honig aus dem Paderborner Land kommt.

Neben den Bienen begeistert ihn der SC Paderborn. So oft es geht, fiebert er in der heimischen Benteler Arena mit der Mannschaft und ist höchst erfreut über die erstligareife Entwicklung. Im Stadion dürfen für ihn eine typische Bratwurst und Bier nicht fehlen: „Das gehört für mich zu diesem Erlebnis einfach dazu.“ Dabei schlägt das Herz des Fußball-Fans seit über 40 Jahren eigentlich für die Gladbacher Borussia, die den Paderbornern jüngst erst eine 1:2-Niederlage zufügte. Dreier war im Stadion und hatte dem SCP den Sieg gewünscht – „zumindest ein Unentschieden wäre verdient gewesen.“ Da geht der Lokalpatriotismus dann doch über die Fan-Liebe.

Am Abend endet der Besuch beim Bürgermeister, der das grüne Polo-Shirt wieder gegen Anzug mit Hemd und Krawatte tauschen muss. Michael Dreier hat noch kein Wochenende, der nächste Termin wartet. Ein Bürgermeister hat eben nie Feierabend…