Zuhause bei… der singenden Schmiedin Dagmar Fischer, die den inneren Klang ihrer Instrumente hört

Ein Tam-Tam hat im Gegensatz zum Gong unendlich viele Töne. An ihrem Instrument hat Dagmar Fischer, die sich singende Schmiedin nennt, monatelang geschmiedet. Bei Konzerten improvisiert sie: „Die Musik entsteht im Augenblick.“ Foto: Christiane Bernert

VON CHRISTIANE BERNERT

Benhausen. Hinter dem Holztor der alten Schmiede in Benhausen hütet Dagmar Fischer Klänge, die noch kein Mensch gehört hat. Die Sängerin und Schmiedin sagt: „In meinem Tam-Tam steckt die ganze Welt. Es beinhaltet Töne, die an harmonischer Vielfalt kaum zu überbieten sind.“ Während die 49-Jährige das sagt, streicht sie mit orangefarbenen Filzschlägeln über das Metall – die Schmiede füllt sich mit Klängen und ist auf einmal gar nicht mehr klamm und kalt.

Der Klang verbessert sich

An ihrem Tam-Tam, einer Art Gong mit etwa einem Meter Durchmesser, hat Dagmar Fischer monatelang gearbeitet, es immer wieder im Schmiedefeuer erhitzt und geschmiedet. „Indem ich darauf spiele, verbessert sich der Klang noch“, sagt die Musikerin.

Die Arbeitskleidung der zierlichen Frau besteht aus einer Lederschürze und festen Schuhen, unter der gefilzten Jacke trägt sie einen Wollpullover, den Kopf schützt eine bunt gemusterte Mütze, und ihr Schal passt zur Farbe der Schlägel. In den vergangenen kalten Winterwochen war es morgens in der Schmiede um Null Grad, der erste Weg führte Dagmar Fischer dann zum Ofen. „Ich heize ordentlich ein und trenne mich im Laufe der nächsten Stunden von der Jacke.“ Lange Tage dauern bei Dagmar Fischer manchmal 14 Stunden: Die Künstlerin arbeitet in dieser Zeit konzentriert mit dem Werkstoff, kein Radio läuft, kein Handy klingelt. Sie ist allein in ihrer Welt der Töne, in der es auf klangliche Nuancen ankommt, die für das ungeübte Ohr nicht zu hören sind. Das laute Hämmern des Metalls auf dem Amboss und absolute Stille, auf die Gongschläge wie aus fernen Welten folgen, wechseln sich ab. „Es ist auch dieser Gegensatz, der mich inspiriert“, sagt Dagmar Fischer.

Dass ihre Stimme und das Metall gut miteinander kommunizieren, hat die singende Schmiedin vor zweieinhalb Jahrzehnten in Mittenwald festgestellt: Damals bekam sie die erhoffte Lehrstelle in einer Holzwerkstatt für Zupfinstrumente nicht, stattdessen schmiedete sie bei einem Bildhauer erstmals Eisen, Kupfer und Bronze. „Der erste Gong ist mir gleich gut gelungen. Da wusste ich: Das ist mein Ding.“ Dagmar Fischer entscheidet sich für ein Studium an einer schwedischen Hochschule nahe Stockholm, denn dort wird vor allem Gesang und Improvisation gelehrt. Elf Jahre bleibt sie in Skandinavien und und der Gesang wird für sie die Grundlage des Schmiedens: „Ich selbst bin dabei das Instrument. Der Klang geht durch meinen Körper – und während des Hämmerns – lauschend – beginnt irgendwann das Metall zu singen, so dass es im Körper der Zuhörer resoniert.“

Bevor sie durch einen Zufall ihre zukünftige Gesangslehrerin in Paderborn kennenlernt, bei der sie weitere Facetten von Musik ausprobiert, geht Dagmar Fischer ein Jahr lang nach Südamerika: „Der Abschied aus Schweden viel mir schwer, gleichzeitig spürte ich, dass ich mich verändern musste. Das Jahr in Südamerika habe ich genutzt, um mir wichtige Fragen zu beantworten.“

Seit zehn Jahren ist Dagmar Fischer „sesshaft geworden“ in Benhausen. So nennt sie das und fügt nüchtern hinzu: „Das ist ein angenehmer Zustand. Meine Wohnung befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Schmiede. Doch wenn es das Leben erfordert, würde ich neue Wege gehen.“ Die Schmiede hat sie ein Jahr lang entrümpelt und renoviert, ehe sie dort mit ihrer Arbeit beginnen konnte: Ihr Refugium hat einen gepflasterten Boden, zwei Ambosse stehen vor der großen Feuerstelle, an den Wänden sind Werkbänke positioniert, an denen fein säuberlich aufgereiht Zangen, Feilen und Hämmer hängen. Vor den Ofen hat Dagmar Fischer einen Hocker gestellt, darauf eine Thermoskanne mit Tee – hier macht sie Pause. Und ruht dabei in sich selbst: „Ich bin dankbar, dass ich genau das machen kann, was ich will. Natürlich setzte ich mich der Kritik von Kollegen aus: Von innen zu hören, muss man täglich trainieren, deswegen ist es wichtig, sich von Profis korrigieren zu lassen.“

Aufträge auch aus Japan

Dagmar Fischer gibt Workshops, veranstaltet Konzerte und fertigt Instrumente auf Bestellung. Seit 1987 (seit 2002 von Benhausen) liefert die Künstlerin Gongs und Tam-Tams unter anderem nach Japan.

Nur ihr eigenes Tam-Tam ist unverkäuflich, es wird weiterhin aus der Schmiede in Benhausen zu hören sein. Wieso sollte Dagmar Fischer dieses Instrument, in dem die ganze Welt steckt, verkaufen?