Zuhause bei… Erwin Grosche, Kleinkünstler aus Paderborn

Morgens um halb sechs sitzt Erwin Grosche mit einem Kaffee vor dem Computer. „Dann ist der Tag noch unberührt. Ich genießen das“, sagt der Kleinkünstler.

VON CHRISTIANE BERNERT

Paderborn. Erwin Grosche ist Frühaufsteher, sein Tag strukturiert. Halb sechs raus aus dem Bett, bis zehn Uhr diverse Tätigkeiten wie spülen, Zeitung reinholen, Frühstück zubereiten, Computer hochfahren, an den Schreibtisch setzen, lesen, schreiben. Ein weiteres wichtiges Morgenritual ist der Spaziergang mit Charlotte. Sie ist fünf Jahre alt, eine Mischlingshündin mit ruhigem Charakter. Wer die beiden über den Philosophenweg schlendern sieht, könnte meinen, Charlotte ziehe das linke Hinterbein ein wenig nach und Erwin Grosche sammle Inspirationen für neue Geschichten. Das ist mitnichten der Fall.

„Ich suche keine Geschichten, ich finde Geschichten. Sie kommen zu mir. Das ist Geschenk und Verpflichtung zugleich.“ Auf jeden Fall ein guter Grund, um sich – zurück zuhause – in der bordeauxrot angestrichenen Küche einen Kaffee zu kochen und damit ins Arbeitszimmer zu setzen. In ein Arbeitszimmer, das überquillt: Bücher auf dem Tisch, auf dem Boden, im Regal, dazwischen die Visitenkarte vom Versicherungsvertreter, Stapel von Papier, auf einigen Blättern sind flüchtige Gedanken notiert. Und mitten drin: Lena Meyer-Landrut, in Originalgröße, aus fester Pappe. Sie lächelt mit mädchenhaftem Charme, Stilettos blitzen unter ihrer Röhrenjeans hervor, das T-Shirt ist knallrot und eng. „Ich konnte mich bisher nicht von ihr trennen“, sagt Erwin Grosche, außerdem mag er ihre Musik. Woher er die Papp-Lena hat? „Vom Kuschelbär Johannes aus der Bärenbude von WDR 5. Das ist eine ganz liebe Rundfunk-Kollegin.“ Erwin Grosche schreibt nicht nur Bücher und Gedichte, Kabarett, poetische „Sonderbarkeiten“ und Revuen, Anthologien, Aufsätze und Singspiele – er macht auch Radio und Fernsehen. Zum Beispiel beim Westdeutschen Rundfunk. Was er dort spricht, liest und moderiert entsteht in dem knapp zwölf Quadratmeter großen Arbeitszimmer mit Blick in den Nachbarsgarten. Nur ein bruchstückhafter Blick übrigens, denn die Kunststoff-Lamellen in Alu-Optik sind immer heruntergezogen. Das ist praktisch: Gleich neben dem Schreibtisch steht ein Doppelbett, in das sich Erwin Grosche um die Mittagszeit gerne fallen lässt. Vorher muss er allerdings Bücher beiseite räumen, die in und rund um das Bett verstreut wurden. Derzeit liegen dort „Wenn wir Tiere wären“ von Wilhelm Genazino und Sándor Márai „Die Schwester“. „Die Wirklichkeit ist mir zu nah“, so Grosche. „Wenn ich lese bin ich unterwegs.“ Viel Zeit bleibt nicht für einen Mittagschlaf, gegen 14 Uhr sitzt er wieder am Schreibtisch.

Im Untergeschoss regt sich währenddessen etwas: Seine Frau ist aus der Schule zurück, Tochter Pauline ebenfalls. Die beiden Meerschweinchen müssen gefüttert und Mittagessen gekocht werden. Und dann will Charlotte ja auch wieder raus. Noch liegt sie auf ihrem Lieblingsplatz auf der Couch im Wohnzimmer, direkt neben einem gut gefüllten CD-Regal und beobachtet das rege Treiben. Das Sofa ist so groß, dass am Abend die ganze Familie drauf passt. Erwin Grosche findet es gut, dass der Bezug zur Tapete passt, die Kissen zum Teppich und die Politur des Klaviers zum Esstisch. „Im Herbst ist es hier so gemütlich, dass man Kastanien suchen möchte.“

Kaum vorstellbar, dass die Familie ein neues Zuhause sucht, und zwar schon jahrelang. „Unser Haus und unser Garten sind eigentlich ideal, aber wir benötigen mehr Platz.“, sagt Grosche. Erst vergangene Woche hat er 600 Bücher aussortiert und zu „Mephisto“ gebracht, dem Antiquariat am Fuße des Doms.

Schreiben mit Hund im Haxtergrund

Von einem Musikzimmer träumt Erwin Grosche, einem Raum, wo er seine Pauken, das Klavier, die Geige, die Gitarre, das Harmonium und die Trompete lassen kann. Derzeit sind die Instrumente für das Singspiel „Das entscheidende Spiel“ in Gebrauch, das am 1. Oktober im Rahmen des Festivals „Musica Sacra Paderborn“ aufgeführt wird (Alte Turnhalle Michaelkloster, 16 Uhr).

Bis es mit dem Musikzimmer klappt, lässt Kleinkünstler Erwin Grosche seine Pauken im Keller, das Klavier im Esszimmer. „Eigentlich brauche ich gar keinen festen Arbeitsplatz. Ich schreibe beim Gehen. Am liebsten im Haxtergrund, Charlotte an meiner Seite.“