Auf dem Rücken ihrer Pferde würde sie jede Führerscheinprüfung bestehen

Paderborn-Sande. Nur kurz nach dem Klingeln öffnet sich das große automatikbetriebende Eisentor und zwei lautbellende Hunde kommen angelaufen. „Die tuen nichts“, ruft Fabienne Lütkemeier rüber, während sie versucht die beiden Vierbeiner wieder zu sich zu holen. Dem großen Eingangstor folgt ein Weg, an dem links und rechts Gebäude mit Pferdeställen angrenzen. „Insgesamt 80 Pferde können hier ihren Platz finden“, erzählt die Dressurreiterin, die zuletzt im deutschen Team die Weltreiterspiele in der Normandie Frankreichs gewann, auf dem Weg ins Haus auf ihrem Familienanwesen. Ein geräumiger Eingangsbereich heißt freundlich willkommen. Es geht in einen Nebenraum, der geschmackvoll in einem modern ländlichen Stil eingerichtet ist. „Hier bin ich aufgewachsen, mittlerweile wohne ich aber in meiner eigenen Wohnung über dem Stall“, erzählt Fabienne Lütkemeier.

Ein Beruf von 8 bis 17 Uhr

Demnach ist Sande ihr Zuhause, ein Ort, „wo die meisten meiner langjährigen Freunde sind, die mir alle sehr wichtig sind“ – und von dem sie, wie sie sagt, „überall super schnell hinkommt“. Wie zum Beispiel nach Lippstadt, wo sie in den letzten Jahren ihren Bachelor in Betriebswirtschaftslehre absolvierte.

Doch die Zeiten, in denen Fabienne Lütkemeier wegen des Studiums ihre Reitaktivitäten deutlich einschränken musste, sind mittlerweile vorbei. Seit knapp zwei Jahren fährt sie ein paar Mal im Monat nach Bochum, sowohl wegen ihres Teilzeit Masterstudiengangs Immobilienwirtschaft als auch wegen ihres dort lebenden Freundes. „Ein Vollzeitstudium oder ein normaler Beruf von 8 bis 17 Uhr lässt sich einfach nicht mehr managen, da ich fast jedes zweite Wochenende an Turnieren teilnehme und manche davon bereits dienstags starten“. Während sie das erzählt, steht sie auf, um Moritz, einer ihrer beiden Familienhunde die Tür zu öffnen. „Moritz und Gibsen müssen immer mit dabei sein, auch bei Turnieren“, lacht die Profi-Reiterin und lässt den kleinen Pinscher auf ihren Schoß springen.

Nervosität verspüre sie während eines Turniers nur selten, „allerdings war ich total nervös bei meiner Führerscheinprüfung und bin es noch immer vor Klausuren“, gibt sie offen zu und lacht.

Fabienne Lütkemeier mit einer ihrer Stuten auf ihrem Hof. Insgesamt 80 Pferde kann die Familie beherbergen.

Jeden Tag ist die 26-Jährige ab 8 Uhr im Stall, reitet bis etwa 13.30 Uhr ihre Pferde, bevor es dann nach dem Mittagessen zum Dressurreiter und Ausbilder Hubertus Schmidt geht, mit dem sie seit kurzem zusammenarbeitet. Täglich wird sie von ihrer Mutter, der ebenfalls erfolgreichen Dressurreiterin Gina Cappelmann-Lütkemeier, trainiert. Auch Bundestrainer kommen in regelmäßigen Abständen vorbei. „Man muss sich sowohl im Leben als auch im Sport weiterentwickeln und immer weiter lernen“, ist sie sich sicher.
Auf die Frage, als was sie ihre Pferde sieht, antwortet sie unbeirrt: „Sie sind meine Familienmitglieder und Partner. Wir haben eine extrem enge Bindung und geben uns beim Arbeiten gegenseitig Sicherheit. Natürlich gibt es gute und schlechte Tage, das ist in jeder Familie so, aber ein Leben ohne Pferde, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“
Wenn sie mal nicht reitet oder für ihr Studium büffelt, „dann gehe ich sehr gerne shoppen oder treffe mich mit meinen Freunden, um was Essen, trinken oder auch mal feiern zu gehen“. Einfach so leben, wie alle anderen es in ihrem Alter auch tun.

Ostwestfälischer Dickkopf

Wenn es passt, nutzt sie auch ihre Turnierorte um sich die Städte und Gegenden anzuschauen. Sie reise sehr gerne, erzählt sie, liebt im Sommer den Strand und das Meer, bevorzuge im Winter jedoch einen schönen Skiurlaub. Wegen ihres engen Zeitplans, kann sie in der Regel immer nur für ein paar Tage verreisen, um sich dann wieder ihren Pferden und Zielen zu widmen. Ihr Traum sei es, nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mitzureiten, gibt sie offen zu. „Aber um das zu erreichen, muss erstens alles passen und zweitens das gewisse Quentchen Glück auf meiner Seite sein“, ist sich der ostwestfälische Dickkopf, wie sie liebevoll von ihrer Mutter genannt wird, sicher.