Zuhause bei… Familie Rheker, die fünf Kinder in zehn Jahren adoptierte

Sonntagsmorgens in Ruhe auf der Couch sitzen und Reinhard Mey hören – das haben Gisela und Uwe Rheker (v.l.) jahrzehntelang nicht gemacht und genießen es jetzt.

VON CHRISTIANE BERNERT

Paderborn. Wer das Haus von Uwe und Gisela Rheker betritt, wird von einer Atmosphäre der Offenheit und der Toleranz umgeben. Die Couch im Wohnzimmer ist orange und einladend, Kaffee ist bereits gekocht, Milch und Zucker stehen bereit. Lässt man den Blick schweifen, ist allerlei Buntes, Sakrales, Antikes zu entdecken: Kerzen und Engel in allen Farben und Formen, ein brasilianischer Klappaltar, der an die Wand gedübelt wurde, daneben ein Buddha und eine Madonna; in der Ecke hinten links die Ahnengalerie – schwarzweiße Fotos hübsch platziert rund um eine mächtige Uhr. „Mein Vater war Holzbildhauer, die Uhr ist ein Familienstück, sie wurde aus Mooreiche gefertigt“, sagt Gisela Rheker (61), die zu jedem Stück, das im Wohnzimmer und im Esszimmer seinen Platz gefunden hat, eine Geschichte erzählen kann. Zum Beispiel zur Madonna, die das Kind auf dem Arm hält und sanft in die Runde schaut. „Die habe ich am Ende meiner Kindergartenzeit von den Ordensschwestern bekommen.“ Die Madonna steht auf einem Kissen aus Schleierkraut, das getrocknet ist. „Als die Kinder noch bei uns wohnten, haben wir jedes Jahr im Mai einen Blütenkranz um die Madonna gelegt, uns abends davor gesetzt und Geschichten gelesen,“ erzählt Gisela Rheker.

Überhaupt, die Kinder! Rebekka, Tobias, Esther, Jonas und Rahel sind groß und gehen eigene Wege. Sie kommen aus Entwicklungsländern und waren dort durch alle sozialen Raster gefallen. Rhekers haben sie im Laufe von zehn Jahren adoptiert. Rebekka, die älteste Tochter, kam 1976 zu ihnen, sie war damals ein Jahr alt. „Wir brauchen drei Leben“, sagt Uwe Rheker (66), der als diplomierter Sportlehrer den integrativen Sport in Paderborn vorangebracht hat, lange Hochschullehrer war und heute noch drei Lehraufträge an der Uni hat, „wir haben so viel erlebt, dass wir uns manchmal fragen, wie wir das geschafft haben.“ Seiner Frau geht es ebenso: „Als Kinder der 68er war immer klar für uns: Wir reden nicht nur von multikultureller Gesellschaft, Verständnis und Frieden, wir integrieren das in unseren Alltag.“ Wer das Buch von Richard David Precht, „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, gelesen habe, kenne auch den Spirit, der am Borkumerweg in der Stadtheide weht: Das Haus der Rhekers steht offen für Menschen, die Verstärkung benötigen, Rückhalt, einen Fels in der Brandung. „Durch meine Arbeit waren hier immer Studierende, ausländische Gäste der Uni und vom Sport, Menschen mit Behinderung“, erzählt Uwe Rheker und betont: „Das war für uns wichtig bei der Erziehung unsere Kinder: Sie sollten Menschen kennenlernen, die anders sind als sie selbst. Wir haben sie immer ermutigt, offen und neugierig nachzufragen. Denn Verschiedenheit ist Normalität!“
Ob sie sich auf die Schulter klopfen, wenn sie sehen, dass aus ihren Kindern junge Erwachsene geworden sind, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, dies tolerant und offenherzig tun? „Nein, wir lehnen uns nicht selbstzufrieden zurück. Aber wir sind stolz auf die Fünf und haben das Gefühl, einiges richtig gemacht zu haben.“

Enkelkinder willkommen

Welchen Herausforderungen man als Adoptiveltern ausgesetzt ist, haben Uwe und Gisela Rheker als „Beratungseltern“ von „terres des hommes“ anderen Paaren erzählt. „Durch die Liebe, die wir den Kindern gegeben haben, sind wir zu deren Eltern geworden“, sind sich beide einig.

Dass die Kinderzimmer mittlerweile Gästezimmer sind, findet Gisela Rheker immer noch ungewohnt: Sie genießt es, wenn die Kinder mit den Enkelkindern kommen und an Feiertagen im Haus ihrer Eltern übernachten. „Dann ist es hier laut und lebendig. Ich liebe das“, sagt die Mutter. Ihr Refugium, ein Raum in der oberen Etage, den sie sich mit Büchern, einem Lesesessel und einer bequemen Couch eingerichtet hat, wird dann ganz schnell wieder zum Spielzimmer.