Zuhause bei… Herman Reichold, Künstler aus Paderborn

In seinem rundum verglasten Atelier im Industriegebiet am Hohenloher Weg malt der Paderborner Künstler Herman Reichold seine Bilder mit den berühmten eckigen Figuren.

VON CHRISTIANE BERNERT

Paderborn. Künstler Herman wohnt, wo er arbeitet – man könnte auch sagen: Sein Atelier ist sein Zuhause. Die Durchmischung dieser beiden Bereiche gefällt ihm; mehr noch: Er hat sie bewusst gewählt.

„Ich wollte ans Tageslicht“

Bevor Herman Reichold (52) ins Industriegebiet am Hohenloher Weg zog, hat er 15 Jahre lang in einem Keller gearbeitet: ein betonierter Raum, 15 mal 5 Meter, kleines Fenster und den ganzen Tag künstliches Licht. „Ich wollte ans Tageslicht“, sagt er und kann sich nicht mehr vorstellen, anders zu arbeiten.

Sein Atelier ist praktisch rundum verglast, Eimer mit Pinseln stehen auf einem riesigen Tisch in der Mitte des Raums, dazwischen Skizzen und Farbtöpfe, an den Wänden hängen die aktuellen Kunstwerke, rechts ist der Esstisch platziert. Daran stehen vier Stühle mit Blick in den Garten.

Manchmal steht er morgens barfuß und ungekämmt vor seiner Arbeitsplatte, blickt auf die Bilder vom Vortag, nimmt Pinsel und Farbe zur Hand und macht da weiter, wo er am Tag zuvor aufgehört hat. Kaffee und Croissant sind zu diesem Zeitpunkt noch unberührt, er stolpert praktisch in die Arbeit.

„Dass sich Freizeit und Arbeit vermischen, finde ich nicht schlimm. Ich habe lange nach einem solchen Haus gesucht. Im Umfeld kommen Industrie, Kultur und Kirche zusammen. Ich bin das Kuriosum mittendrin“, erzählt Reichold. Und man glaubt ihm, dass er das auch bleiben möchte.

Im Prinzip ist Herman Reichold ein disziplinierter Arbeiter mit „Kernarbeitszeiten“, wie er das selbst nennt, zwischen neun und 17 Uhr. „Das nächtliche Arbeiten ist nichts mehr für mich. Das habe ich mir mühevoll abgewöhnt.“

Um den Überblick zu behalten über Ausstellungen, Termine, Galeristen und Verpflichtungen führt er einen detaillierten digitalen Kalender. Der Computer, der in einer Art Büro, das sich im Empfang des ehemaligen Bürogebäudes befindet, ist von morgens bis abends angeschaltet. Neben der Tastatur liegt das Buch, das er gerade liest: „Lass uns doch Feinde sein“, eine Art Poetry Slam. Darüber hinaus finden sich auf dem überdimensionalen Schreibtisch jede Menge Zettel, Vitamintabletten, Kaffeetassen und Fotos von seinen beiden erwachsenen Kindern: Dario (22) und Elena (20) sind beide Studenten. „Dass aus diesen beiden Menschen anständige Demokraten geworden sind, gehört wohl zu den Dingen, die ich richtig gut gemachte habe“, sagt der Vater und betont, wie stolz er auf seine Kinder ist.

Viel zu wenig Zeit für sie zu haben, als sie noch klein waren, war einer der Gründe, sich aus einem anstrengenden 16-Stunden-Tag zwischen Kunst, Agentur und Ausstellungsgeschäft zu verabschieden und auf das zu konzentrieren, was er am besten kann: malen. „Meine eckigen Figuren haben in dieser Zeit, ab etwa Mitte der 90er-Jahre, an Profil gewonnen“, so Reichold.
Warum sind es eigentlich eckige Körper, Gesichter, Tiere, Blumen? „In meinem Inneren ist alles rund, schön und harmonisch. Deswegen mal ich eckig.“ Herman Reichold legt großen Wert auf scharfe Konturen. Seine Assistentin, eine Kunststudentin, prüft die Bilder, bevor sie zum Kunden, in die Ausstellung oder eine Galerie geschickt werden. „Sie entdeckt jede Nachlässigkeit. Zum Beispiel, wenn ich Striche vergessen habe, mit dem Ärmel meines Pullovers über die Farbe gestrichen bin und dort Fussel hinterlassen habe oder wenn Haare von mir in der Fixierung gelandet sind“, verrät Herman Reichold, was er an seiner Assistentin so schätzt.

Bilder in die Welt setzen ist seine Bestimmung

Inspiriert ihn die Assistentin? „Das Leben selbst ist die Quelle für neue Ideen, natürlich gehören dazu auch Beziehungen“, sagt der Künstler, und fügt hinzu: „Ich warte nicht auf Eingebungen, sondern folge meiner Bestimmung: Bilder in die Welt zu setzen. Die Begeisterung der Menschen ist das Fundament, das mich trägt.“

Wo so viel Kunst, Kommunikation und philosophische Gedanken zusammenkommen, gibt es auch Rückzugsorte: Schlafzimmer und Wohnzimmer sind reduziert möbliert, kaum Accessoires, keine Bilder, wenig Farbe. Reichold: „In diesen Räumen ertrage ich nur weiße Wände.“