Zuhause bei… Kristin von Brandenstein, die aus Afrika nach Paderborn kam

Im Kinderzimmer von Tagesmutter Kristin von Brandenstein hat sich im Laufe von sechs Jahren jede Menge Spielzeug angesammelt. Sogar ein Trampolin hat dort Platz. Wer malen möchte, darf das auf einer großflächigen Tapete neben der Couch tun. Fotos: C. Bernert

Abends geht die Arbeit in der Küche weiter: Kristin von Brandenstein bereitet das Mittagessen für den nächsten Tag vor.

VON CHRISTIANE BERNERT

Paderborn. In Kristin von Brandensteins Flur herrscht Hochbetrieb: Jannis rattert mit seinem Bobbycar über die Dielen, Prisca will Fußball spielen und geht in Position. In der Küche sitzt Mathilda unter dem Tisch und wartet darauf, entdeckt zu werden, Julius hängt auf der Couch im Spielzimmer und kann sich nicht von seinem Buch trennen. In Seelenruhe schnippelt Kristin von Brandenstein Äpfel und Bananen, denn um 9.30 Uhr gibt es jeden Tag eine Obstpause für die vier Zwei-Jährigen. Die 64-jährige Tagesmutter aus der Südstadt liebt ihre Arbeit und den Trubel, der damit verbunden ist.

Muntere Kinderschar

„Wir machen auch Musik und tanzen“, erzählt sie beiläufig und lässt keinen Zweifel daran, dass der Platz in der Küche und im Spielzimmer ausreicht. In der Mittagspause breiten sich die Tageskinder bis ins Schlafzimmer ihrer Betreuerin aus. Nur ein einziger Raum bleibt geschlossen für die muntere Kinderschar: das Wohnzimmer. Es hat hohe Decken wie der Rest der Altbau-Wohnung, eine Eckcouch ist das Refugium von Kristin von Brandenstein, während die Kinder schlafen. „Ich mache ein Nickerchen und freue mich auf den Nachmittag mit Jannis und Mathilda.“ Die beiden anderen Kinder werden nach dem Mittagessen abgeholt.
Die Mutter von fünf erwachsenen Kindern möchte nie wieder weg aus Paderborn. Seit sechs Jahren lebt die Hamburgerin in der Südstadt, zwei Jahre habe es gedauert, bis sie sich zuhause gefühlt hat. Kristin von Brandenstein verbrachte zuvor 30 Jahre in Südafrika, davon zehn in Kapstadt und 20 Jahre in Johannesburg. Ihre drei Söhne und die beiden Töchter sind dort geboren, mit ihrem Mann leitete sie Restaurants in den Metropolen. Nach der Trennung packte sie ein, was in zwei Koffer geht, in der Handtasche ein one-way-Ticket Richtung Deutschland.

Tochter Steffi wohnt zu diesem Zeitpunkt noch bei der Mutter, sie tritt die Reise ins Ungewisse tapfer mit an. Während die großen Geschwister in Deutschland, Texas und Südafrika auf eigenen Beinen stehen, lernt Steffi in Paderborn Deutsch, macht ihr Abi und beginnt ein Studium in Köln. Das erste Mal in ihrem Leben ist Kristin von Brandenstein alleine. Sie lacht: „Natürlich genieße ich die Ruhe nach dem Trubel mit den Tageskindern. Aber ohne sie könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Ich brauche ja einen Ersatz für meine beiden Enkelkinder, die in Texas leben.“

Für Paderborn als neue Heimat entschied sie sich aus einem einfachen Grund: „Ich wollte in eine gemütliche, überschaubare Stadt“, sagt die quirlige Frau, „und eine meiner beiden Schwestern lebt in Paderborn. Von hier aus kann ich außerdem Hamburg und Frankfurt gut erreichen. Dort wohnen Alexander und Gerald, die beiden Großen.“ Dass sie eine Krankenversicherung benötigt, Dokumente nur mit Stempel und Unterschrift ihre Gültigkeit haben, das Einwohnermeldeamt dringend die Rückmeldung der Zugezogenen braucht – daran musste sich die Neubürgerin bei ihrer Ankunft erst gewöhnen. „Diese Dinge spielten in meinem Leben in Südafrika keine Rolle“. Manchmal habe vielleicht auch der wohl klingende Nachname sein Gutes gehabt, vermutet sie. Ihre erste Wohnung habe sie wohl bekommen, weil sie eine „von“ sei. „Ich hatte zu dem Zeitpunkt weder ein geregeltes Einkommen noch einen reichen Erbonkel vorzuweisen. Die Vermieter haben keine einzige Frage gestellt“, lacht die „Adelige“.

Abends geht die Arbeit in der Küche weiter: Kristin von Brandenstein bereitet das Mittagessen für den nächsten Tag vor.

Gekommen, um zu bleiben

An ihrer jetzigen Bleibe schätzt sie vor allem den freundschaftlichen Draht zu allen Hausbewohnern. Im Sommer wird im Garten hinter dem Haus gegrillt, die Frauen gehen auch schon mal zusammen ins Kino. Und wenn das Bobbycar durch die Diele der Hochparterre-Wohnung rumpelt, stört das die Mieterin ein Stockwerk höher herzlich wenig.