Zuhause bei… Marianne Vier aus Bad Lippspringe

Der rote Sessel im Wohnzimmer von Märchenerzählerin Marianne Vier steht erhöht auf einem Podest. So kann sie bequem in die Fußgängerzone von Bad Lippspringe gucken. Ein Platz zum Entspannen – gearbeitet wird nebenan. Foto: Christiane Bernert

VON CHRISTIANE BERNERT

Bad Lippspringe. Wenn Märchenerzählerin Marianne Vier durch den Kurpark in Bad Lipspringe läuft, wundern sich andere Spaziergänger. Eine Frau, die laut und deutlich scheinbar mit sich selbst redet, dabei gestikuliert – ja, tickt die denn noch richtig? Ganz bestimmt! Marianne Vier übt: „An der frischen Luft und in Bewegung kann ich mich einfach besser konzentrieren. Während ich die Märchen laut erzähle, höre ich, wo noch etwas fehlt.“

Kino im Kopf ist individuell

Auf die Details kommt es an bei Marianne Vier, die ihren Zuhörern Bilder schenkt: „Diese Bilder in den Köpfen des Publikums entstehen durch Emotionen, die ich transportiere. Jeder malt seine eigenen Bilder, je nachdem, was er von der Geschichte mitnimmt.“

Wohnt eine Märchenerzählerin in einem rosaroten Schloss, schläft sie möglicherweise auf einer Erbse? Das ist nicht der Fall. Marianne Vier unterscheidet sehr genau zwischen ihrem märchenhaften Job und der Realität: „Ich würde sagen, ich bin eher nüchten eingerichtet.“ Das Wohnzimmer wird dominiert von hellen Ledermöbeln, über dem Glastisch hängt eine moderen Leuchte, hinten rechts in der Ecke hat ihr Freund seine rote E-Gitarre platziert, daneben steht auf einem Sideboard der Fernseher.

Die Lieblingsecke von Marianne Vier ist das Podest vor dem Fenster mit Blick in die Fußgängerzone von Bad Lippspringe: „Da sitze ich mit einem guten Tee und beobachte die Leute. Bei Regenwetter ist das doppelt gemütlich.“ Würde man die professionelle Erzählerin nachts wecken, könnte sie aus dem Stand etwa 30 Märchen erzählen. Ihr Repertoire ist noch viel größer – es umfasst 124 Märchen. „Einige davon müsste ich allerdings auffrischen“, so Vier. Um sich einen Text zu erschließen, wird er zunächst in Szenen unterteilt, die einzelnen Abschnitte werden anschließend mit Leben gefüllt. Da beim Erzählen Körpersprache, Tempo und Lautstärke eine große Rolle spielen, hat sich Marianne Vier in ihrem Arbeitszimmer einen goldenen Vorhang hingehängt, vor dem sie stehend ausprobiert, wie viel Platz sie benötigt. „Ein Blackout habe ich eigentlich noch nie gehabt“, sagt sie, in der Märchensprache fänden sich immer Worte, die passen, wenn es mal hapert.

Mitnichten sind Märchen ausschließlich für Kinder gedacht.

Märchen im Krankenhaus

Marianne Vier arbeitet regelmäßig mit an Demenz erkrankten Patienten im Johannisstift, darüberhinaus steckt sie derzeit in einem groß angelegten Schulprojekt des Kreises Lippe. Bevor sich Marianne Vier vor zwölf Jahren ganz aufs Märchenerzählen konzentrierte, war sie als Erzieherin und Sozialarbeiterin tätig.

Wie entspannt man, wenn man ständig präsent sein muss und unentwegt spricht? Die Märchenerzählerin zögert keine Sekunde: „Ich schweige. Oder lese.“ Auf der Couch liegt ein Roman. Kein Märchen.