Puppenspielerin, Schauspielerin und Musikerin Nelo Thies im Kuhstall

Der Tag beginnt für Nelo Thies mit einem Frühstück im Bett, dann schreibt sie ihre drei „Morgenseiten“: „Sie fließen einfach aus mir heraus. Ich habe mehr Fantasie, als es Stücke geben kann“, sagt die Künstlerin, die sich neben ihrer Arbeit als Puppen- und Schauspielerin zunehmend als Autorin betätigt. Foto: Christiane Bernert

VON CHRSTIANE BERNERT

Nordborchen. Nelo Thies wohnt in einem Kuhstall. Wer bei der 63-Jährgen klingelt, löst Hundegebell aus, denn die Kühe sind längst raus aus dem Stall. Eine hohe und eine tiefe Hundestimme dröhnen hinter der Tür. Sie gehören zu Puck und Tony, zwei sehr unterschiedlichen Pudeln: der eine ist groß und schwarz, seine buschige Rute steht kess nach oben. Der andere ist klein und beige, er kommt etwas ruhiger daher, das macht wohl der Altersunterschied.

„Mein Mann hat eine Allergie gegen Hundehaare“, sagt Nelo Thies. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie mit den Hunden nicht den Mann aus dem Haus jagen wollte. Den hat sie länger als Puck und Tony und sie hängt auch mehr an ihm. „Pudel haaren nicht“, erklärt Frauchen und freut sich, dass sie alle drei behalten kann. Zur Familie gehören außerdem zwei erwachsene Töchter, die den Kuhstall längst verlassen haben.

Genaugenomen lebt Nelo Thies in dem denkmalgeschützten Fachwerkhaus allein. Mit ihrem Mann führt die Puppenspielerin, Schauspielerin und Musikerin seit Jahrzehnten eine Wochenendbeziehung. Er arbeitet in Hamburg und hat ein Häuschen in der Heide. „Wenn ich in der Heide bin, komme ich total runter, da sammel` ich mich“, erzählt die Künstlerin. Denn in der Heide ist nichts – gar nichts. Viel weniger als in Nordborchen, wo vor ihr der Mallinckrodthof und hinter ihr das Altenheim liegen.

Seit acht Jahren wohnt Nelo Thies in dem etwas windschiefen Haus, das eine träge Fußbodenheizung und kleine Fenster hat: „Wenn Besucher vermuten, hier sei es kalt und dunkel, widerspreche ich nicht.“ Das mag man in dem Moment, in dem die Wintersonne durch die Fenster des Wohnzimmers scheint, gar nicht glauben. Aber die Bewohnerin ist ehrlich. „Ich war gerade drei Wochen lang bei meinem Mann. Da muss ich den Stall tagelang ordentlich heizen, bevor ich hier auf eine angenehme Betriebstemperatur komme.“
Das Wohnzimmer ist von Regalen umrahmt, in denen zweireihig Bücher stehen: Märchenbücher neben Theater-Literatur neben soziologischen Fachbücher. Der Tisch in der Mitte dient als Schreibtisch, denn Nelo Thies schleppt ihren Rechner von Raum zu Raum, ein Arbeitszimmer findet sie überflüssig. Unter dem Dach des Kuhstalls befinden sich neben dem Wohnzimmer und der Küche ein Technikraum für die Tonanlage, Scheinwerfer und Büro-Kram, ein Puppenraum, ein Schlafzimmer und – nicht zu vergessen (!) – der riesige Dachboden. Dort bewahrt Nelo Thies ihre Requisiten auf. Weil sie an denen hängt, spitzt sie die Ohren, sobald Mäuse über die Fläche flitzen.

Riesiger Dachboden

Die Mäuse haben Glück, denn Puck und Tony haben kein Interesse an der Jagd. Deswegen landen sie in Lebendfallen und werden von der Hausherrin in zwei Kilometern Abstand zum Stall ausgesetzt. Jahr für Jahr hat Nelo Thies trotzdem ein wenig Schwund, aber ihr Fundus ist so groß, dass sie das verkraftet. „Meine Puppen kommen sowieso nicht auf den Dachboden. Die vertragen die Temperatur-Schwankungen nicht.“

Udo, Jens, Thorsten und Simon sitzen gemütlich auf dem Sofa und warten auf ihren nächsten Auftritt: Sie spielen in dem Stück „Weil es dich gibt“ mit, eins von rund 60 Puppentheaterstücken, die Nelo Thies in den vergangenen 20 Jahren einstudiert hat. In ihrem früheren Leben war die Pädagogin an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg beschäftigt. In der Hansestadt hat sie nach ihrer Kindheit im Münsterland 23 Jahre lang gelebt. Warum Paderborn? „Ich wollte raus aus der Stadt und eine Freundin hat auf Schloss Hamborn gearbeitet. Das hat mir gefallen.“