Zuhause bei… Nilgün Özel, Unternehmerin mit eigener Marketing-Agentur

In ihrem Wohnzimmer in Paderborn hat Nilgün Özel immer den Blick auf den Bosporus und auf
Istanbul – das Bild ist von einer berühmten türkischen Malerin. Es hängt über einer Kommode, auf der weitere türkische Accessoires stehen.

VON CHRISTIANE BERNERT

Paderborn. Sie wird gerne als „Vorzeige-Türkin“ herumgereicht – als bestes Beispiel für eine erfolgreiche Integration: eine Unternehmerin mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland ihren Weg gemacht hat. Nilgün Özel ist 50 Jahre alt, sie leitet ihre eigene Marketing-Agentur im Technologiepark, lebt seit 44 Jahren in Deutschland – die meiste Zeit davon in Paderborn.

Authentisch bleiben ist wichtig

Einen Auftritt als „Vorzeige-Türkin“ toleriert sie nur, wenn die Anfrage für einen Vortrag oder eine Diskussion ernst und ehrlich gemeint ist. „Ich berichte gerne von meinen Erfahrungen, sicher kann ich damit auch Vorbild sein“, sagt sie. „Aber Leuten, die sich ansonsten auch nicht für Themen wie Integration oder Gleichstellung interessieren, erteile ich eine Absage.“ Authentisch bleiben – damit ist sie bisher immer gut gefahren, auch als Unternehmerin. „Ganz bewusst hat die Agentur meinen türkischen Namen. Es soll erkennbar sein, dass wir kein rein deutsches Unternehmen sind“, betont Nilgün Özel.

Lange bevor die Diplom-Kauffrau ein multikulturell zusammengesetztes Team leitet, lernt sie, Verantwortung zu übernehmen: Die Türkin ist sechs Jahre alt, als ihre Familie nach Deutschland kommt, sie wächst im Sauerland auf. Ihre Heimatstadt Eskisehir ist eine Großstadt, Freunde lässt sie dort zurück, Verwandte, ein Stück Heimat. „Es zählte, dass die Familie zusammenblieb“, sagt Nilgün Özel mit Nachdruck. Dass sie in einem Dorf landet, in dem sie die Sprache und die Menschen nicht versteht, hat wenig Bedeutung. Ihr Vater gehört zur typischen Gastarbeiter-Generation, er ist gelernter Techniker mit Tatendrang und Wissensdurst. Sein größter Wunsch: alle vier Kinder sollen studieren können, wenn sie möchten. Das sei in den 70er- und 80er-Jahren in der Türkei kaum möglich gewesen, so Özel. Politische Unruhen waren in wissenschaftlichen Einrichtungen zu spüren.

Nilgün Özel packt ihr Leben im Sauerland an: lernt Deutsch und sich durchzusetzen. „Mit drei jüngeren Brüdern ging es zuhause nicht immer zimperlich zu. Vermutlich prägt die Stellung in der Geschwister-Folge auch den Charakter“, so die Agentur-Chefin. Zum Studium verschlägt es sie nach Paderborn, vor der ersten Mathe-Vorlesung entdeckt sie diesen „umwerfenden Typen“: „Die Beziehung mit Emin hatte von Anfang an Perspektive.“ Heute arbeitet sie mit ihrem Ehemann gemeinsam in der Agentur. Die Eltern eines erwachsenen Sohnes haben sich ein Zuhause geschaffen, das osmanischen Charme ausstrahlt. Lilly, Lucy und Leila streichen dem Besucher im Flur um die Beine, die Katzen fühlen sich im Wohnzimmer am wohlsten. Ein Ort, der gleichermaßen elegant, gemütlich und voller Entdeckungen ist. „Nach jeder Reise häufen sich im Wohnzimmer mehr und mehr Accessoires aus der Heimat“, berichtet Nilgün Özel und lacht.

Türkische Teeblätter traditionell kochen

Vor allem Pfeifen, Brieföffner und Skulpturen aus türkischem Meerschaum stehen auf Kommoden und Regalen. Noch bevor man es sich in einer der Sitzecken bequem macht, wird die Frage nach einem Tee oder Kaffee gestellt. Den original türkischen Mokka kocht Nilgün Özel in einem speziellen Kännchen auf sparsamer Flamme, damit sich eine dicke Schaumschicht bildet. Ohne Schaum in der Tasse sei es kein „richtiger“ türkischer Mokka, erzählt sie.

Das Ehepaar Özel legt Wert auf Gastfreundschaft: „Wir bereiten türkische Gerichte für unsere deutschen Freunde zu und deutsche Gerichte für die türkischen Freunde. Wir pflegen und zelebrieren das Essen mit Freunden und Familie. Das ist ein wohltuendes Innehalten in unserem turbulenten Alltag.“