Zuhause bei… „Susi Chanelle“ alias Manfred Tölle, Paderborner Travestiekünstlerin und Kneipenbesitzerin

Klavier spielen kann Susi zwar nicht, aber das antike Stück ist eines ihrer Lieblingsorte in ihrer Wohnung im Riemekeviertel. In Verkleidung (kl. Bild) ist sie in ihren eigenen vier Wänden eher nicht zu sehen. Fotos (2): Birger Berbüsse

VON BIRGER BERBÜSSE

Paderborn. So eine Frage musste der Verfasser dieser Zeilen auch noch nie stellen: „Soll ich er oder sie schreiben?“ Denn im Personalausweis der zu porträtierenden Person steht zwar Manfred Tölle, „doch unter dem Namen kennen mich höchstens fünf Leute!“ Als Susi Chanelle ist die Paderbornerin jedoch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Und damit wären wir schon bei der Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Bitte schreib sie“, sagt Susi, die zwar im Körper eines Mannes lebt, sich aber schon seit ihrer Kindheit als Frau fühlt. Als Travestiekünstlerin und Inhaberin der Kultkneipe „Susi’s Unverschämt“ ist die 58-Jährige in Paderborn berühmt geworden.

Schon immer gerne verkleidet

Rotes Abendkleid, hochhackige Pumps, große Ohrringe unter der blonden Perücke, vielleicht auch mal eine Federboa: So kennt man Susi von ihren Auftritten, so steht sie auch gerne mal an den Wochenenden hinter der Theke ihrer Kneipe. Zuhause empfängt sie ihren Besuch jedoch in ganz „gewöhnlicher“ Kleidung: braune Lederschuhe, Jeans und ein enges T-Shirt. „Ich hab’ mich schon immer gerne verkleidet“, sagt sie, „aber zu Hause laufe ich ganz bequem rum.“

Mit zwölf Jahren wusste Susi, damals noch Manfred: „Ich bin anders!“ Während die Zwillingsschwester auf Rollschuhen den Berg hinabfuhr, saß sie lieber auf der Couch und spielte mit Puppen: „Was Mädchen halt so machen“, lacht Susi und erinnert sich an einen Kommentar ihrer Mutter: „Bei euch hat sich der liebe Gott in den Geschlechtern vertan.“
Susi, die sich schon früh diesen neuen Namen gab, ging von Anfang an offen mit ihrem Schwulsein um. Ende der 60er Jahre eckte sie im konservativen Paderborn damit natürlich bei vielen an: „Natürlich gab es Anfeindungen, aber ich wusste immer, wie ich mich wehren kann.“ Schnell wurde sie in Ruhe gelassen. Mit 18 Jahren dachte Susi an eine Geschlechtsumwandlung. Eine Untersuchung bei einem Paderborner Spezialisten hatte ergeben, dass sie tatsächlich 75 Prozent weibliche Hormone besitzt. „Doch ich hatte einfach zu viel Angst vor den Spritzen und der Operation“, erklärt Susi, warum es doch nicht dazu kam.

Aber sie kam auch so auf ihre Kosten als Frau: Wenn sie ausgeht, dann natürlich immer verkleidet: „Ich will gesehen und angebaggert werden!“ Und das klappt offenbar sehr erfolgreich: „Das Kennenlernen ist gar nicht schwierig“, berichtet Susi mit einem Lächeln. Und fügt selbst erstaunt hinzu, dass sie bei Hetero- oder Bisexuellen mehr Chancen habe als bei Schwulen.

Kleine Oase: Auch im von allen Seiten umschlossenen Garten zeigt sich Susis Liebe zum Detail.

Aktuell ist sie Single, aber bestimmt nicht einsam: „Ich hab noch immer einen abgeschleppt, wenn ich wollte.“ Trotzdem sucht sie einen Partner, allerdings mit viel Freiraum: „Ich kann mich nicht so binden. Wichtig wäre ihr unter anderem, dass jeder seine Wohnung behält.
Seit einem Jahr lebt Susi in ihrer 150 Quadratmeter großen Wohnung im Riemekeviertel. „Ganz fertig ist sie noch nicht“, senkt sie die Erwartungen, die aber beim Anblick ihres deutlich größer erscheinanden Reiches weit übertroffen werden. Neben ihren beiden Hunden Chihuahua Chila und Jack-Russell Nelli sind Trödelmärkte und Antiquitäten Susis große Leidenschaft – und das merkt man der wie ein Museum wirkenden Wohnung auch an. Die Wände hängen voll mit alten Porträts und Stilleben, in den vielen Durchgangszimmern stehen alte Sofagarnituren und Beistelltische, antike Statuen, mehrere alte Radios und Grammophone, Standuhren und Porzellanfiguren.

Auffällig sind auch viele religiöse Motive mit einem alten Chorstuhl als Höhepunkt: „Das finde ich einfach schön, mit der Kirche habe ich ja nix am Hut“. Wohl fühlt sich Susi überall, ihre Lieblingsplätze sind neben ihrem Bett in Leopardenmuster-Optik aber der Wintergarten mit kleiner Bar und Jukebox sowie ein antikes Klavier, das von ihr einen (künstlichen) Orgelaufbau bekommen hat. Der von außen nicht einsehbare kleine Garten ist ihre Wohlfühloase. Weil „Susi’s Unverschämt“ nur am Wochenende geöffnet hat, bleibt der gelernten Malerin Susi unter der Woche genug Zeit, an der Einrichtung „zu werkeln“: „Das mache ich gerne, schließlich bin ich ein sehr häuslicher Typ!“

Die Küche ist neben den beiden vorhandenen Flachbildfernsehern übrigens der einzige moderne Einrichtungsgegenstand in der Wohnung – und wurde ironischerweise noch seltener benutzt: „Der Herd war noch nie an“, sagt Susi schmunzelnd. „Ich brauche die Küche nur zum Kaffee kochen.“