Zuhause bei…Willi Lüke, der von 1988 bis1999 Paderborns Bürgermeister war

Zeitung lesen im Wintergarten – ein Genuss für Willi Lüke, der seinen Kaffee gerne aus feinstem Porzellan trinkt und den Süßstoff mit einer silbernen Pinzette aus dem Döschen fischt. Seine Frau stellt ihm gerne eine frische Rose auf den Tisch.

VON CHRISTIANE BERNERT

Schloß Neuhaus. Willi Lüke (77) liebt seinen Platz im Wintergarten. Der ehemalige Bürgermeister von Paderborn sitzt dort in seinem Korbsessel, liest lokale und überregionale Zeitungen, genießt den frisch aufgebrühten Kaffee aus weißen Porzellantassen mit blauem Muster – handbemalt. Hinter ihm tickt die Kuckucksuhr seiner Großeltern, ein antiker Paderborner Stich im edlen Goldrahmen hängt an der Wand. Das Ensemble ist perfekt. Und der Mann mittendrin eine durch und durch elegante Erscheinung: das Hemd gebügelt und gestärkt, die Manschettenknöpfe blitzen in der Sonne.

Willi Lüke könnte jeden Augenblick Michael Gorbatschow, die Queen, den Papst oder Roman Herzog empfangen. Er lacht. „Das die hier hereinspazieren, ist höchst unwahrscheinlich.“ Getroffen und gesprochen hat er diese und viele andere Menschen in seiner Zeit als Bürgermeister. Besonders Michael Gorbatschow ist ihm in guter Erinnerung geblieben: „Ein ehrlicher und angenehmer Gesprächspartner. Sehr auskunftsfreudig und unkompliziert.“ Als Papst Johnannes Paul II. 1996 nach Paderborn kommt, ist Willi Lüke aufgeregt. „Es waren 60 Meter bis zum Papa-Mobil. Was redet man mit dem heiligen Vater in dieser Zeit?“ Ein Geistesblitz rettet ihn. Er bringt Paderborns Partnerstadt Przemysl ins Spiel. Das Eis ist gebrochen. „Papst Johannes Paul hat sich das gemerkt und sein Heimatland im späteren Verlauf seine Besuchs noch mehrfach erwähnt“, erzählt Willi Lüke.

Was immer wichtig für ihn war, was ihn stärkte und entspannte, gerade wenn hoher Besuch in Ostwestfalen erwartet wurde: „Meine Frau war normalerweise an meiner Seite. Das hat mir Gelassenheit und ein gewisses Maß an Unbeschwertheit gegeben“, sagt Lüke und freut sich noch heute darüber, dass Ursula (75) sich die Zeit genommen hat. Im Hintergrund waren schließlich drei Töchter zu versorgen.

Heute ist sie für die Enkelkinder da. „Meine Frau kocht jeden Tag für eine Großfamilie“, berichtet der ehemalige Bürgermeister. Es gefällt ihm, in einer Doppelhaushälfte mit der Familie seiner ältesten Tochter unter einem Dach zu wohnen. So hat er drei seiner acht Enkelkinder unmittelbar um sich herum. Und wenn mittags die Tochter aus ihrer Praxis und die Kinder aus der Schule kommen, steht das Essen auf dem Tisch.
Der Lükesche Esstisch stand lange Zeit an der Kilianstraße. „Es war praktisch, als Bürgermeister nah am Zentrum zu wohnen“, betont Lüke. Als die Kinder klein waren, lebte die Familie stets citynah. Dann verließen die Töchter ihr Zuhause, studierten, bekamen Kinder, bauten. Auf einmal war das Haus an der Kilianstraße zu groß. Willi Lüke findet es angenehm, heute in Schloß Neuhaus zu wohnen.

Als er umzog, lächelten die neuen Nachbarn. „Erst baut er sich seinen Vorgarten, dann zieht er ins neue Haus ein – so wurde gemunkelt“, Willi Lüke erinnert sich ganz genau daran. Denn das Gelände der ehemaligen Landesgartenschau beginnt tatsächlich am Gartentor. Ein Zufall, den er schätzt, denn gerne spaziert er durch die Natur. Alternativ sitzt er mit seiner Frau im Garten. Rosen sind die Lieblingsblumen der beiden. Auf dem Tisch im Wintergarten steht stets eine frische Blume.

Wenn Willi Lüke heute eingeladen wird von Vereinen, Verbänden, Institutionen, trifft er eine Menge alter Weggefährten, deren Gesellschaft er schätzt. „Es kommt vor, dass die Menschen applaudieren, wenn sie mich begrüßen und sich an meine Zeit als Bürgermeister erinnern. Das rührt mich sehr an“, sagt Lüke und ist dabei unprätentiös. „Scheinbar habe ich einiges richtig gemacht.“ Nur ungern sagt er Einladungen ab. Aber alles ist nicht zu schaffen, Familie und Freunde sind ihm ebenso wichtig wie offizielle Auftritte als ehemaliger Bürgermeister.
Und wenn er so in seinem Wintergarten sitzt, den Blick auf das Paderborner Bild, die Kuckucksuhr im Nacken, sie tickt laut und unerbittlich – hat er dann das Gefühl, die Zeit renne ihm davon? „Nein. Die Zeit kann ich nicht anhalten, soll ich mich darüber ärgern oder betrübt sein? Das ist unnütz und vergebens. Ich habe meine Erinnerungen. Die bleiben, egal, was passiert.“